Frau Bitter und Frau Bös
sitzen in ihrem Lieblingscafé in der Stadt Zürich. Mittlerer Preis, immer gut
besucht, bester Latte Macchiato. Frau Bitter hat ihre Freundin zu diesem
Treffen gebeten, sie klang am Telefon ziemlich besorgt. Jetzt rührt sie nervös
in ihrem Latte, die Stirn in sorgenvollen Falten.
„Also, Monika, raus mit der
Sprache: was hast du ausgefressen?“, Frau Bös nimmt einen grossen Schluck von ihrem
Panaché (sie hofft, ein bisschen Alkohol könnte ihre Nerven beruhigen, falls
ihre Freundin sie mit einer ganz üblen Überraschung schockieren würde).
Frau Bitter legt den Löffel
neben ihre Tasse und verschränkt die Arme, als müsste sie sich vor etwas schützen.
„Ich hab so ein schlechtes Gewissen, das glaubst du gar nicht! Ich habe...
naja... ich habe ein bisschen auf Daniels Handy rumgespielt – ein paar Whatsapps
gelesen und so.“ Sie sieht, wie Frau Bös ihr gegenüber am Tisch lakonisch eine
Augenbraue hochzieht.
„Naja, ich meine, ich hab
das nicht extra gemacht! Sein Handy lag einsam auf dem Sofa, während er unter
der Dusche war, und da blinkte halt plötzlich eine Message auf. Direkt unter
meinen Augen, ich konnte gar nicht anders, als sie lesen!“.
Frau Bös zieht auch ihre
andere Augenbraue hoch, was Frau Bitter noch mehr dazu veranlasst, sich zu verteidigen:
„Und da wollte ich halt auch den ganzen Zusammenhang verstehen, ich meine, dazu
musste ich halt auch noch die anderen Messages lesen von diesem Absender.“ Sie
macht eine kurze Pause und verdreht dann stöhnend die Augen: „Ja, okeeee, und
alle anderen Whatsapps und SMS auch!“
Frau Bös führt ihr Panaché
an den Mund, ohne den Blick von ihrer Freundin zu wenden. „Ist das alles?“,
fragt sie sie, bevor sie einen weiteren Schluck nimmt. Frau Bitter lässt sich
gegen die Lehne ihres Stuhles fallen und krallt beide Hände in das Polster der
Sitzfläche zwischen ihren Beinen. „Nein“, sie klingt wie eine Primarschülerin,
die vom Schuldirektor in die Mangel genommen wird, weil sie beim Kaugummikauen
erwischt wurde. „Ich habe auch noch ein paar seiner Mails gelesen“, Frau Bitter
lässt ihren Blick schuldbewusst auf ihren Latte Macchiato sinken. „Aber nicht
mit Absicht“, bäumt sie sich noch einmal auf, „sein Laptop war aufgestartet,
sein Mailprogramm offen und er weit und breit nicht zu sehen – mann, da konnte
ich doch einfach nicht widerstehen!“
Frau Bös pustet sich den
dunklen Pony aus der Stirn (oh-ooh!) und lehnt sich bequem zurück. Ein zynisches
Lächeln umspielt ihre Lippen.
„Und wieso konntest du
nicht widerstehen?“
„Naja...“, Frau Bitter
sucht nach einer plausiblen Antwort, „ich dachte, vielleicht sind da ja
Informationen enthalten, die... ich weiss nicht... interessant für mich sein
könnten? Wichtig?“ Sie sieht nicht sehr überzeugt aus von ihrer eigenen Aussage
und blickt verzweifelt zu Frau Bös, damit die ihr aus der Patsche hilft.
Diese zuckt kurz mit den
Schultern: „Und weshalb hast du jetzt ein schlechtes Gewissen deswegen? Er
hat’s ja noch nicht mal gemerkt! Und meinst du, du bist die einzige, die in
seinem privaten Internet- und Telefonverkehr wühlt? Überwachung ist heute doch
Gang und Gäbe, ich meine, der amerikanische und britische Geheimdienst machen
es, der Bund wahrscheinlich auch. Sie glauben sogar, so terroristische Anschläge
verhindert zu haben. Im Grunde genommen machst du also eigentlich etwas Gutes.“
Sie fängt an, ihr heiseres Lachen zu lachen, natürlich mal wieder so laut, dass
auch andere Gäste im Café neugierig werden. „Jetzt musst du dir nur noch
überlegen, an wen du all die Informationen über deinen Freund verkaufen
könntest. Dann bist du ein Held, wie der Wikileaks-Mensch und dieser Edward
Snowdon!“ Sie wirft dramatisch ihren Kopf zurück und gluckst noch lauter.
Frau Bitter kann nicht
mitlachen. „Ich glaube nicht, dass Daniels Messages irgendwelchen Zündstoff für
die nationale Sicherheit beinhalten. Ehrlich gesagt enthalten sie nicht mal
Zündstoff für mich.“ Sie überlegt ein paar Sekunden, hebt dann ihre Handtasche
vom Boden auf und kramt ihr Iphone hervor. „Ich muss ihn anrufen und ihm alles
beichten, mich entschuldigen. Ou, Mist! Kein Akku mehr! Monika, darf ich mal
dein Handy?“.
Frau Bös’ Miene verfinstert
sich in Sekundenschnelle. Ohne die Augen von ihrer Freundin zu wenden, schiebt
sie mit dem rechten Fuss ihre Handtasche am Boden näher zu sich heran und
klemmt sie zwischen Wade und Stuhlbein ein. „Mein Handy ist für dich tabu!“