Donnerstag, 5. September 2013

Politisch korrekt 6: Typisch!


Frau Bitter und Frau Bös stehen in der Migros des Zürcher Hauptbahnhofs an der Kasse. Stosszeit am Morgen, lange Schlange, alle haben es eilig. Frau Bitter kauft sich ihr allmorgendliches Pendler-Frühstück, ein Gipfeli und einen kalten Fertig-Kaffee. Frau Bös würde nie freiwillig pendeln, schon gar nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie arbeitet deshalb nur 10 Minuten von ihrer Wohnung entfernt und kann mit dem Velo ins Büro fahren. Aber heute hat sie eine Sitzung in einer anderen Stadt.
Nervös tritt Frau Bös von einem Fuss auf den anderen, das Weggli in der einen, die Flasche Cola in der anderen Hand. Noch zwei Personen, dann steht sie endlich vor der Kassiererin. Aber dann legt der Herr mittleren Alters und mit Brille vor ihr ein 3er-Pack schwarze Socken aufs Förderband. „Ist das ägyptische oder indische Baumwolle?“, fragt er die Frau im orangeroten Tenue und dem Namensschildchen auf der Brust in absolut akzentfreiem Hochdeutsch.
Die Schlange hinter dem Mann hält hörbar die Luft an. Dann geht ein Raunen durch die Menge.
Die Kassiererin dreht das Pack Socken nach allen Seiten und sucht verzweifelt nach einer Antwort. Aber sie wird nicht fündig. Wahrscheinlich spürt sie die ungeduldigen Blicke der wartenden Einkäufer auf ihr lasten, denn Schweissperlen bilden sich auf ihrer Oberlippe. „Ich weiss nicht“, ihre Stimme klingt gequält und sie schaut sich nach Hilfe um, findet aber offenbar keine. „Da muss ich schnell eine Kollegin fragen. Einen Moment!“ Die Kassiererin steht auf und verlässt ihr enges Kabäuschen. Mit den Socken in der Hand verschwindet sie irgendwo zwischen den Regalen mit Haarpflegeprodukten.
Die Schlange löst sich mit einem Schlag aus ihrer Schockstarre. Augen werden gerollt und Hände verworfen. Einige beginnen lautstark zu protestieren, am lautesten Frau Bös: „Das darf ja wohl nicht wahr sein!“, sie tippt sich demonstrativ mit dem Finger an die Stirn und dreht sich zu Frau Bitter hinter ihr um. „Und dann natürlich auch noch ein Deutscher, typisch!“
Frau Bitter deutet ihrer Freundin mit einer Handbewegung, etwas leiser zu sein, denn bereits hat sich der halbe Laden nach ihr umgedreht. Aber Frau Bös denkt gar nicht daran, sich zurückzuhalten: „Ist doch wahr! So was würde sich sonst doch keiner trauen! Socken kaufen am Morgen früh, wenn alle auf den Zug müssen!!“. Ihre Stimme ist jetzt noch lauter und heiserer. Mit Schwung dreht sie sich wieder zum bebrillten Mann an der Kasse um, so dass ihr dunkler Pony kurz im Wind fliegt. „SIE meine ich!“, sie zeigt mit dem Finger auf ihn, als sie merkt, dass der Deutsche sie keines Blickes würdigt. „So was kann man sich vielleicht in Berlin oder Hamburg erlauben, aber nicht in der Schweiz!“
Der Mann ignoriert sie hartnäckig.
„Das ist ja wohl einfach unglaublich! Ist ihnen eigentlich klar, warum die Deutschen bei uns so unbeliebt sind? Wegen Leuten wie Ihnen!!“
Frau Bös’ Stimme überschlägt sich jetzt beinahe, der gesamte Laden schaut stumm zu ihr rüber, gespannt darauf, was wohl als nächstes kommt. Frau Bitter hinter ihr wird immer röter im Gesicht. Sie benutzt ihre langen braunen Haare als Vorhang, um sich dahinter zu verstecken und packt ihre Freundin am Arm. „Ssschchchch, Marianne, bitte...“
„Ich denke gar nicht dran!! Dieser Herr da beweist uns gerade, wie rücksichtlos unser grosser Nachbar ist, und ich soll ruhig sein?! Ganz sicher nicht!! Ich werde ihm mal zeigen, was richtige Schweizer sind!!“
Der Mann mit Brille bleibt regungslos an der Kasse stehen und weicht angestrengt Frau Bös’ giftigen Blicken aus.
„Schweizer“, sie holt tief Luft und schwellt die Brust, „Schweizer sind anständig!! Sie nehmen RÜCKSICHT auf ihre Mitmenschen!! Sie stellen sich brav in der Schlange an und bezahlen ihre Sachen so schnell wie möglich, damit alle pünktlich auf den Zug kommen!!“
Frau Bös pustet sich kurz den Pony aus dem Gesicht, ihre Augen blitzen.
„Schweizer“, fährt sie fort, mit patriotischem Stolz in der Stimme, „halten den Fluss nicht auf! Sie haben es nicht nötig, aufzufallen und alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen!“
Ein paar Leute in der Schlange hinter ihr nicken, während ihre Augen gebannt auf Frau Bös haften bleiben.
„Schweizer stellen keine dämlichen Fragen! Schweizer sind höflich und angepasst!“
Es herrscht Totenstille im Laden, die Hektik der morgendlichen Stosszeit scheint vergessen, während alle an Frau Bös’ Lippen hängen.
„Schweizer besitzen den nötigen Respekt vor allen Menschen, ob Einheimische oder nicht! Schweizer... Schweizer...“, Frau Bös’ Augen wandern nervös hin und her, als würden sie etwas suchen. Frau Bitter kommt ihr zu Hilfe: „Schweizer sind ruhig und demütig!“
„Genau!“
„Schweizer kritisieren nicht dauernd andere!“
„Richtig!“
„Schweizer stehen zusammen und schliessen niemanden aus!“
„So ist es!“
„Schweizer wollen einfach nur in Frieden und Ruhe leben!“ Frau Bitter stösst ihre Faust in Richtung Decke.
„Für immer und ewig!“, Frau Bös tut es ihr nach. Und auch hinter den beiden Frauen im Laden reckt sich nach und nach die eine oder andere Faust. Die 1. August-Rede ist beendet.
Die Kassiererin kommt mit dem 3er-Pack Socken zurück. Sie setzt sich auf ihren Drehstuhl im engen Kabäuschen. „Meine Kollegin sagt, ägyptische“, sie schaut den Mann vor ihr fragend an. Der Deutsche nickt und zückt sein Portemonnaie. Die Kassiererin zieht die Socken über den Scanner, der Preis erscheint in grünen Lettern auf einem kleinen Bildschirm. Der Mann mit Brille zahlt, die Kassiererin gibt ihm das Rückgeld, er nimmt die Socken und geht.
In die Schlange kommt wieder Bewegung. Frau Bös ist erleichtert und dreht sich grinsend zu Frau Bitter um. Diese versucht ein gequältes Lächeln. Es geht schnell vorwärts, und endlich kann Frau Bös ihr Weggli und ihr Cola aufs Förderband legen. Sie wühlt in ihrem Portemonnaie, findet aber keine Münzen.
„Ich bezahle mit Karte“, sagt sie zur Kassiererin vor ihr.
Ein Raunen geht durch die Menge.