Frau
Bitter und Frau Bös stehen in der Migros des Zürcher Hauptbahnhofs an der
Kasse. Stosszeit am Morgen, lange Schlange, alle haben es eilig. Frau Bitter
kauft sich ihr allmorgendliches Pendler-Frühstück, ein Gipfeli und einen kalten
Fertig-Kaffee. Frau Bös würde nie freiwillig pendeln, schon gar nicht mit den
öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie arbeitet deshalb nur 10 Minuten von ihrer
Wohnung entfernt und kann mit dem Velo ins Büro fahren. Aber heute hat sie eine
Sitzung in einer anderen Stadt.
Nervös
tritt Frau Bös von einem Fuss auf den anderen, das Weggli in der einen, die
Flasche Cola in der anderen Hand. Noch zwei Personen, dann steht sie endlich
vor der Kassiererin. Aber dann legt der Herr mittleren Alters und mit Brille
vor ihr ein 3er-Pack schwarze Socken aufs Förderband. „Ist das ägyptische oder
indische Baumwolle?“, fragt er die Frau im orangeroten Tenue und dem
Namensschildchen auf der Brust in absolut akzentfreiem Hochdeutsch.
Die
Schlange hinter dem Mann hält hörbar die Luft an. Dann geht ein Raunen durch
die Menge.
Die
Kassiererin dreht das Pack Socken nach allen Seiten und sucht verzweifelt nach
einer Antwort. Aber sie wird nicht fündig. Wahrscheinlich spürt sie die
ungeduldigen Blicke der wartenden Einkäufer auf ihr lasten, denn Schweissperlen
bilden sich auf ihrer Oberlippe. „Ich weiss nicht“, ihre Stimme klingt gequält
und sie schaut sich nach Hilfe um, findet aber offenbar keine. „Da muss ich
schnell eine Kollegin fragen. Einen Moment!“ Die Kassiererin steht auf und
verlässt ihr enges Kabäuschen. Mit den Socken in der Hand verschwindet sie
irgendwo zwischen den Regalen mit Haarpflegeprodukten.
Die
Schlange löst sich mit einem Schlag aus ihrer Schockstarre. Augen werden
gerollt und Hände verworfen. Einige beginnen lautstark zu protestieren, am
lautesten Frau Bös: „Das darf ja wohl nicht wahr sein!“, sie tippt sich
demonstrativ mit dem Finger an die Stirn und dreht sich zu Frau Bitter hinter
ihr um. „Und dann natürlich auch noch ein Deutscher, typisch!“
Frau
Bitter deutet ihrer Freundin mit einer Handbewegung, etwas leiser zu sein, denn
bereits hat sich der halbe Laden nach ihr umgedreht. Aber Frau Bös denkt gar
nicht daran, sich zurückzuhalten: „Ist doch wahr! So was würde sich sonst doch
keiner trauen! Socken kaufen am Morgen früh, wenn alle auf den Zug müssen!!“.
Ihre Stimme ist jetzt noch lauter und heiserer. Mit Schwung dreht sie sich
wieder zum bebrillten Mann an der Kasse um, so dass ihr dunkler Pony kurz im
Wind fliegt. „SIE meine ich!“, sie zeigt mit dem Finger auf ihn, als sie merkt,
dass der Deutsche sie keines Blickes würdigt. „So was kann man sich vielleicht
in Berlin oder Hamburg erlauben, aber nicht in der Schweiz!“
Der
Mann ignoriert sie hartnäckig.
„Das
ist ja wohl einfach unglaublich! Ist ihnen eigentlich klar, warum die Deutschen
bei uns so unbeliebt sind? Wegen Leuten wie Ihnen!!“
Frau
Bös’ Stimme überschlägt sich jetzt beinahe, der gesamte Laden schaut stumm zu
ihr rüber, gespannt darauf, was wohl als nächstes kommt. Frau Bitter hinter ihr
wird immer röter im Gesicht. Sie benutzt ihre langen braunen Haare als Vorhang,
um sich dahinter zu verstecken und packt ihre Freundin am Arm. „Ssschchchch,
Marianne, bitte...“
„Ich
denke gar nicht dran!! Dieser Herr da beweist uns gerade, wie rücksichtlos
unser grosser Nachbar ist, und ich soll ruhig sein?! Ganz sicher nicht!! Ich
werde ihm mal zeigen, was richtige Schweizer sind!!“
Der
Mann mit Brille bleibt regungslos an der Kasse stehen und weicht angestrengt
Frau Bös’ giftigen Blicken aus.
„Schweizer“,
sie holt tief Luft und schwellt die Brust, „Schweizer sind anständig!! Sie
nehmen RÜCKSICHT auf ihre Mitmenschen!! Sie stellen sich brav in der Schlange
an und bezahlen ihre Sachen so schnell wie möglich, damit alle pünktlich auf
den Zug kommen!!“
Frau
Bös pustet sich kurz den Pony aus dem Gesicht, ihre Augen blitzen.
„Schweizer“,
fährt sie fort, mit patriotischem Stolz in der Stimme, „halten den Fluss nicht
auf! Sie haben es nicht nötig, aufzufallen und alle Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen!“
Ein
paar Leute in der Schlange hinter ihr nicken, während ihre Augen gebannt auf
Frau Bös haften bleiben.
„Schweizer
stellen keine dämlichen Fragen! Schweizer sind höflich und angepasst!“
Es
herrscht Totenstille im Laden, die Hektik der morgendlichen Stosszeit scheint
vergessen, während alle an Frau Bös’ Lippen hängen.
„Schweizer
besitzen den nötigen Respekt vor allen Menschen, ob Einheimische oder nicht!
Schweizer... Schweizer...“, Frau Bös’ Augen wandern nervös hin und her, als
würden sie etwas suchen. Frau Bitter kommt ihr zu Hilfe: „Schweizer sind ruhig
und demütig!“
„Genau!“
„Schweizer
kritisieren nicht dauernd andere!“
„Richtig!“
„Schweizer
stehen zusammen und schliessen niemanden aus!“
„So
ist es!“
„Schweizer
wollen einfach nur in Frieden und Ruhe leben!“ Frau Bitter stösst ihre Faust in
Richtung Decke.
„Für
immer und ewig!“, Frau Bös tut es ihr nach. Und auch hinter den beiden Frauen
im Laden reckt sich nach und nach die eine oder andere Faust. Die 1.
August-Rede ist beendet.
Die
Kassiererin kommt mit dem 3er-Pack Socken zurück. Sie setzt sich auf ihren
Drehstuhl im engen Kabäuschen. „Meine Kollegin sagt, ägyptische“, sie schaut
den Mann vor ihr fragend an. Der Deutsche nickt und zückt sein Portemonnaie.
Die Kassiererin zieht die Socken über den Scanner, der Preis erscheint in
grünen Lettern auf einem kleinen Bildschirm. Der Mann mit Brille zahlt, die
Kassiererin gibt ihm das Rückgeld, er nimmt die Socken und geht.
In
die Schlange kommt wieder Bewegung. Frau Bös ist erleichtert und dreht sich
grinsend zu Frau Bitter um. Diese versucht ein gequältes Lächeln. Es geht
schnell vorwärts, und endlich kann Frau Bös ihr Weggli und ihr Cola aufs
Förderband legen. Sie wühlt in ihrem Portemonnaie, findet aber keine Münzen.
„Ich
bezahle mit Karte“, sagt sie zur Kassiererin vor ihr.
Ein
Raunen geht durch die Menge.