Montag, 25. März 2013

Sozial verträglich 3: Der Winter ist ein Arschloch


Frau Bitter sitzt in ihrem Lieblingsrestaurant in Zürich. Mittlerer Preis, grosse Portionen, währschafte Küche. Sie hat sich den besten Platz ganz hinten am Fenster gesichert und wartet auf ihre Freundin. Als diese das Lokal betritt, ist sie nicht zu übersehen: eine überdimensionale, schwarz-glänzende Daunenjacke mit Pelzkragen, dazu eine riesige, fellbesetzte Mütze mit Schlappohren, die zusammen mit einem ungefähr fünfmal geschlungenen Wollschal in Regenbogenfarben Frau Bös’ Gesicht fast gänzlich verschwinden lässt. Die Hände stecken in dicken, lila Fäustlingen, und ihre Beine enden in silbergrauen, unförmigen Moonboots, die ihren zierlichen Füssen scheinbar Grösse 45 verleihen. Schwerfällig bahnt sich Frau Bös ihren Weg durch das Restaurant zu ihrer Freundin, und stösst dabei mit ihrer breiten Montur immer mal wieder an Tische, Stühle und Gäste. Diese kucken auch schon komisch, was Frau Bitter nervös werden lässt.
„Marianne, wie siehst du denn aus??“, zischt sie, als die Angesprochene endlich bei ihr angekommen ist. „Das ist doch hier nicht Sibirien! Die Leute glotzen auch schon, das ist echt peinlich...“ Frau Bitter legt instinktiv ihre Stirn in die aufgestützte Hand, so, als ob sie sich ein bisschen verstecken wollte. Frau Bös schält sich indes aus ihren Kleidern, und ein dicker Rentierpullover mit Rollkragen kommt zum Vorschein. Sie ist sichtlich schlecht gelaunt.
„Peinlich? Ich sage dir, was peinlich ist, Monika! Dieser scheiss Winter ist peinlich, aber so was von!“, ihre Stimme klingt nasal und brüchig, offenbar ist sie erkältet. Schon wieder. „Er weiss nämlich nicht, wann es Zeit ist, zu gehen! Und es ist jetzt verdammt nochmal Ende März! ENDE MÄRZ!! Er soll sich endlich verpissen!!“ Den letzten Satz schreit sie quasi ins Restaurant, und noch ein paar Augenpaare mehr heften sich an die beiden Frauen am Fensterplatz. Frau Bös zieht ihre Mütze vom Kopf und knallt sie vor sich auf den Tisch, dann lässt sie sich mit einem lauten Plumpsen (auch die gefütterte Thermohose lässt nicht gerade viel Bewegungsfreiheit) auf den Stuhl fallen.
„Und danke auch“, fährt sie fort, während sie sich ein zerknülltes Taschentuch aus der Gesässtasche klaubt, den Blick vorwurfsvoll auf ihre Freundin geheftet, „dass wir am Fenster sitzen dürfen. Jetzt kann ich ja während des gesamten Mittagessens dem Schneegestöber da draussen zukucken!“ Frau Bös schneuzt sich demonstrativ laut und lange und wischt sich dann die rote Nase ab.
„Das ist doch nicht so schlimm. Deswegen musst du hier doch nicht auftauchen wie ein Astronaut“, Frau Bitter spricht leise, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber natürlich weiss sie, dass das nichts bringen wird.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich friere und meine Garderobe darum nicht der aktuellen Haute Couture anpasse, Madame!“, Frau Bös’ Augen werden noch wilder. „Dem Winter wirfst du ja auch nicht vor, er sehe scheisse aus!“
Frau Bitter wirft einen Blick aus dem Fenster und muss zugeben: das Wetter ist wahrlich garstig. Der Frühling steht vor der Tür, aber die Strassen Zürichs sind immer noch von einer feinen, weissen Schicht bedeckt. Alles ist in ein fahles Licht getaucht, der Himmel irgendwie farblos und die Sicht verschwommen wegen des Nebels. Und das Schlimmste: es ist tatsächlich saukalt!
Trotzdem versucht es Frau Bitter nun mit Optimismus: „Naja, der Winter dauert dieses Jahr halt ein bisschen länger. Ich glaube, dafür wird dann der Sommer umso schöner“.
„Es ist mir grad scheissegal, wie der Sommer sein wird!“, giftet Frau Bös drauf los, ganz offensichtlich nicht vom Optimismus angesteckt und die Backen immer noch rot von der Kälte. „Weil: ich seh ihn grad nirgends! Weit und breit nur arschkalt, grau und windig! Der Winter ist ein Arschloch!!“
Das letzte Wort lässt den Kellner ganz kurz Grinsen. Er ist mittlerweile an den Tisch der beiden Freundinnen gekommen, um die Bestellung aufzunehmen.
„Gerstensuppe und Glühwein – beides bitte dampfend heiss!“, sagt Frau Bös zu ihm in einem Ton, der keine Widerrede zulässt. Sie hat nicht einen Blick in die Karte geworfen. Frau Bitter hingegen schon, sie sucht mit dem rechten Zeigfinger die richtige Stelle auf Seite 3 und meint dann: „Für mich bitte die Forelle auf Frühlingsgemüse und eine Cola light. Mit Eis.“
Frau Bös’ hämischer Blick bleibt auf ihrer Freundin haften, als der Kellner in Richtung Küche verschwindet. Völlig unbeweglich sitzt sie auf ihrem Stuhl – was nicht nur mit dem Schock, sondern vor allem mit ihren dicken Kleidern zu tun hat.
„Gott. Seit wann bist du denn so optimistisch, Monika? Hat dir der verdammte Winter deine rechte Gehirnhälfte eingefroren, und damit all deine Zweifel, Sorgen und Problemchen?“ Sie versucht ein Lachen, da ihre Lippen wegen der Kälte aber etwas aufgesprungen sind, tut es weh, als sie die Mundwinkel nach oben zieht. Sie belässt es deshalb bei einem hörbaren Schnauben.
Frau Bitter zieht nur kurz die Schultern hoch und wendet sich dann ab. Sie schaut aus dem Fenster in die winterliche Märzlandschaft. Ihr macht das Wetter nichts aus. Erstens liebt sie ihren neuen, schicken, knöchellangen Wollmantel, den sie im Ausverkauf zum halben Preis ergattert hat. Er steht ihr vorzüglich, und insgeheim hofft sie, dass sie ihn noch bis in den April hinein tragen kann. Und zweitens hat sie Ferien gebucht. Nächste Woche geht es für zehn Tage in die Karibik. 

Donnerstag, 14. März 2013

Sozial verträglich 2: Liebesmüh


   Frau Bitter und Frau Bös sitzen in ihrer Lieblingsbar in der Stadt Zürich. Schickes Interieur, immer gut besucht, bester Cosmopolitan. Die beiden Freundinnen haben sich auf einem der hippen Sofas mit Zebramuster eingerichtet. Frau Bitter ist sichtlich aufgebracht.
„Marianne, ich verstehe das einfach nicht. Du kannst doch nicht für den Rest deines Lebens deine Männer wechseln wie Unterhosen! Wo soll denn das bloss hinführen?“
„Ja, wohin bloss?“, Frau Bös nimmt einen Schluck aus ihrem Glas, es ist bereits ihr zweiter Cosmopolitan. „Ich muss nirgendwo hin, ich verfolge ja kein bestimmtes Ziel.“
Frau Bitter schüttelt genervt den Kopf. „Aber denk doch auch mal an die Zukunft! Du bist keine 20 mehr. Was, wenn du doch noch Familie willst? Dann müsstest du dich aber langsam entscheiden!“
„Ja, ich kann mich morgen schwängern lassen und ein Kinderzimmer einrichten – wo ist das Problem?“
„Und der Vater?“
„Der kann sein Kind jederzeit besuchen oder es zu sich nehmen – in seiner eigenen Wohnung, weit weg von meiner,“ Frau Bös lehnt sich locker auf dem Sofa zurück und breitet beide Arme auf der Rückenlehne aus. Sie schlägt in einer grossen Geste das linke Bein über das rechte und wippt mit dem Fuss zum Takt der Lounge-Musik. Diese Nonchalence bringt ihre Freundin nur noch mehr aus der Fassung. Sie greift nach ihrem Drink vor sich auf dem Tischchen und stochert mit dem Strohhalm in den Eiswürfeln herum.
„Liebe, Marianne. Weißt du, was das ist? Liebe! Wenn du jemanden richtig liebst, dann willst du mit dieser Person zusammen sein. Und zwar nur mit dieser.“
„Liebe, Monika, so wie du sie in Filmen und Büchern vorfindest, gibt es nicht“, kontert Frau Bös energisch, „Liebe ist eine chemische Reaktion in unseren Gehirnen. Man fühlt sich zu Personen hingezogen, weil diese gerade zu einem passen, sei es nun sexuell oder spirituell oder was auch immer. Und dann verbringt man eine gewisse Zeit zusammen, geniesst sie, und irgendwann passt es halt nicht mehr. Dann gibt es wieder neue chemische Reaktionen bei neuen Begegnungen.“
Frau Bitter stellt ihr Glas zurück auf das Tischchen und schaut ihre Freundin eindringlich an:
„Ich glaube nicht, dass man Liebe so rational erklären kann. Sonst würde nicht so viel darüber geschrieben, gesungen und philosophiert.“
„Es wird auch ziemlich viel über Krieg gesungen und philosophiert.  Und der lässt sich ziemlich gut rational erklären, finde ich. Gut, Liebe und Krieg, das ist ja irgendwie auch dasselbe. Deine Beziehung jedenfalls ähnelt in meinen Augen einem Schlachtfeld!“ Frau Bös will lachen über ihren Scherz, verschluckt sich dabei aber an ihrem Cosmopolitan. Sie presst sich eine Serviette auf die Lippen. Frau Bitter verschränkt beleidigt die Arme.
„Haha, sehr witzig! Du bist doch bloss neidisch, weil du niemanden hast, der für dich da ist!“
Frau Bös’ Hustenanfall wird immer schlimmer, so dass die versammelte Zürcher Szene in der Bar neugierig zu den beiden Frauen blickt. Frau Bös windet sich auf dem Sofa, Schweissperlen bilden sich auf ihrer Stirn. Sie hält sich noch immer die Serviette vor den Mund, mit der anderen Hand öffnet sie die Knöpfe ihrer Bluse, in der Hoffnung, sei bekäme dann besser Luft. Schliesslich erbarmt sich Frau Bitter und will ihrer Freundin den Rücken klopfen. Frau Bös wehrt sich mit Händen und Füssen dagegen und schüttelt dabei so heftig den Kopf, dass ihr dunkler Pony von links nach rechts fliegt. Die Blicke der anderen Gäste werden immer besorgter. Doch dann schwappt das Prusten und Keuchen endlich in ein schallendes Gelächter über, und der Raum entspannt sich spürbar. Frau Bös wirft sich flach auf das Sofa und zappelt mit ihren Beinen in der Luft. Dabei trifft sie mit einem ihrer High Heels ihren Cosmopolitan auf dem Tischchen, und das Glas zersplittert mit einem lauten Knall.
Frau Bitter packt sich eine Serviette und tupft die rote Flüssigkeit vom Boden auf. Dabei flucht sie lautlos (sie will nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen).
Frau Bös erholt sich langsam, setzt sich auf und wischt sich mit einem Taschentuch die schwarzen Makeup-Spuren unter den Augen weg, die ihr die Freudentränen beschert haben. Sie wird immer noch ab und zu von einem Lacher geschüttelt.
„Ich soll neidisch auf dich sein, Monika, ICH? Entschuldige, du erzählst mir jede Woche, was dich an deinem Freund so nervt und wie ihr euch dauernd wieder finden und arrangieren müsst. Ihr haltet eure Zweisamkeit künstlich aufrecht, nur, weil ihr Angst habt, allein zu sein. Ihr teilt euch schon so viel, dass eine Trennung echt Umstände machen würde. Und es würde saumässig weh tun.“
Der Kellner kommt mit einem Besen und einem Abfalleimer, um die Scherben auf dem Boden unschädlich zu machen. Frau Bös bestellt sich bei dieser Gelegenheit noch einen Cosmo und fährt dann fort: „Ich aber teile mit den Männern nur so lange so viel, wie wir beide ertragen können. So bald es nicht mehr klappt, können sich unsere Wege in aller Freundschaft trennen. Niemand schuldet dem anderen etwas. Wir hatten eine schöne Zeit, fertig.“ Frau Bös macht eine finale Geste mit beiden Händen und wendet sich dann ab. Ihr Blick fällt auf ein Pärchen an der Bar. Er streicht ihr liebevoll das Haar aus der Stirn. Sie hält selig lächelnd seine Hand. Und Frau Bös wehrt sich gegen das warme Gefühl in der Herzgegend, das plötzlich in ihr aufsteigt.
Frau Bitter blickt sie schweigend von der Seite an. ‚Jaja’, denkt sie sich, ‚und irgendwann bist du alt und bereust, dass du jetzt einsam sterben musst. Dass niemand für dich da ist in schlechten Zeiten.’ Aber dann fragt sie sich verbittert, wieso sie eigentlich nie so gelöst und herzhaft lachen kann wie ihre Freundin. 

Samstag, 9. März 2013

Alter Ego 2: Baby Blues


Frau Bös und Frau Bitter sitzen in ihrem Lieblingspark in der Stadt Zürich. Saubere Grünanlage, immer gut besucht, hübsches Café. Die beiden Frauen haben es sich mit einem Becher Kaffee auf einem Bänkli neben dem Spielplatz gemütlich gemacht (weil alle anderen schon besetzt waren). Frau Bös beobachtet Frau Bitter, wie diese ganz versunken in ihrem Becher rührt und den tobenden Kindern und deren hippen, urbanen Eltern zuschaut. Sie holt ihre Freundin aus ihren Gedanken, indem sie ihr unsanft den Ellbogen in die Rippen stösst.
„Monika, was glotzt du denn dauernd diesen Goofen hinterher? Willst du etwa auch auf die Rutschbahn? Sorry, aber da hat dein Arsch jetzt wirklich keinen Platz mehr!“ Sie lacht ihr heiseres Lachen und knufft Frau Bitter noch einmal versöhnlich in die Seite. Diese kann sich kein Lächeln abringen.
„Du bist doof, echt. Ich musste nur gerade an meine Gynäkologin denken“.
Frau Bös sieht ihre Freundin ungläubig über die Ränder ihrer Sonnenbrille hinweg an.
„Ähm, halloo-oo?? Die Sonne scheint, es ist Sonntag, wir erholen uns gerade von einer sehr coolen Party gestern – und du kannst an nichts anderes denken, als an jemanden, der dir mit einer riesigen Spreizklammer zwischen den Beinen herumfuhrwerkt?“
Frau Bitter seufzt und macht ein Gesicht, als hätte sie gerade in eine sehr saure Zitrone gebissen.
„Nein, auf das könnte ich jeweils auch verzichten. Aber ich war letzte Woche bei der Dr. Marthaler, das alljährliche Prozedere halt, Krebsabstrich, Pillenrezept. Und sie hat mich schon das dritte Jahr in Folge ungebeten darauf aufmerksam gemacht, dass ich jetzt dann langsam mal loslegen müsse mit dem Kinderkriegen und so. Ab 35 nehme die Fruchtbarkeit drastisch ab und bla bla bla…“
„Aha, ich verstehe“, Frau Bös nimmt ihre Brille ab und schlägt die Beine übereinander, „und deshalb hast du jetzt Torschlusspanik. Du weisst nicht, ob du deine Gene noch weitervererben sollst oder nicht.  Du versuchst dir vorzustellen, wie du wohl aussehen würdest, so mit Kinderwagen und Wickeltasche im Park.“
„…“
„Und du denkst darüber nach, wie du das alles managen könntest, Job und Kind“, Frau Bös kneift ihre Augen zusammen und kaut dabei auf dem Bügel ihrer Sonnenbrille. „Wie oft du in der Nacht wirst aufstehen müssen, um eine Flasche Milch warm zu machen. Wie teuer so ein Hort ist und wie viel paar Schuhe du dir dann weniger kaufen könntest. Und wie selten du mit deinen Freunden mal so schnell auf ein Feierabendbierchen gehen könntest, weil du keinen Babysitter findest.“
„…“
„Keine Rucksackferien mehr, nur noch Familienhotels. Keine Pizza bestellen, sondern gesunden Brei kochen. Keine Partys mehr, um acht ist Nachtruhe. Kein Ausschlafen mehr am Wochenende, das Kind hat Keuchhusten und will gepflegt werden.“
„…“
Frau Bös fühlt sich sichtlich wohl in ihrer Rolle als Hobby-Psychologin. Sie lehnt sich immer näher zu ihrer Freundin hinüber und ihre Stimme wird immer bedeutungsvoller. „Dazu kommt das permanent schlechte Gewissen: Warum hab ich einen Menschen in diese Welt gezwungen? Warum hab ich meine Karriere aufgegeben und wechsle stattdessen nur noch dreckige Windeln? Warum würde ich meinem Kind am liebsten an die Gurgel, wenn es pausenlos heult? Bin ich eine schlechte Mutter? Bin ich ÜBERHAUPT eine Mutter?“
„Ist ja gut, Marianne!!“ Frau Bitter fährt blitzschnell herum, ihre Stimme klingt hoch und schrill, und aus ihren Augen schiessen grelle Blitze. Ein paar Sekunden lang herrscht Stille - im gesamten Park. Dann sammelt sich Frau Bitter wieder und blickt sich peinlich berührt um. Sie sinkt auf dem Bänkli in sich zusammen und streicht sich ein paar Haarsträhnen ins Gesicht. Sie wäre jetzt sichtlich gerne unsichtbar.
Frau Bös grinst zufrieden. „Siehst du? Es spricht also eigentlich alles GEGEN ein Kind. Was machst du dir also noch Gedanken?“
Frau Bitter zögert und zieht ihre Schultern hoch. „Weiss nicht, weil’s in der Natur liegt, wahrscheinlich. Wir Menschen haben wohl einfach irgendwo diesen Trieb, uns fortpflanzen zu wollen.“ Frau Bitter sieht, wie ihre Freundin die linke Augenbraue hochzieht. „Ja, ich weiss, DU nicht, Marianne. Aber ICH bin mir halt unschlüssig. Und ich bin verdammt sauer, dass ich mir diese scheiss Gedanken überhaupt machen muss, während mein Freund zum Beispiel nur müde drüber lacht – kein Wunder, er kann ja auch noch mit 70 Babys machen, aber bei mir ist halt bald mal Sense!“
Frau Bitter dreht sich schmollend um und blickt wieder zum Spielplatz. Ein kleiner Junge, vielleicht vier, fünf Jahre alt, fängt gerade an zu brüllen, weil ihm die Mutter keine Gummibärchen mehr geben will. Er heult und stampft, dann verpasst er seiner Mutter wütend einen Hieb in den Unterbauch und schmeisst sich dann trotzig auf den Boden. Und plötzlich ist Frau Bitter sehr, sehr froh, ist sie noch kinderlos.
Frau Bös hingegen muss an volle Windeln, Gesabber, Buggies im vollgestopften Tram und Elternabende in der Schule denken – und es wird ihr flau in der Magengegend. ‚Ich niemals’, denkt sie sich. Aber als eine junge, hippe Mutter in Leggings und High Heels einen Kinderwagen an ihr vorbeischiebt, ertappt Frau Bös sich, wie sie verstohlen einen Blick hineinwirft. Und das kleine, schlafende Gesichtchen dort eigentlich ganz süss findet. 


Freitag, 8. März 2013

Sozial verträglich 1: Von leckeren Törtchen


Frau Bös sitzt in ihrem Lieblingscafé in der Stadt Zürich. Mittlerer Preis, immer gut besucht, bester Latte Macchiato. Sie wartet auf ihre Freundin. Frau Bitter hat Verspätung. Endlich kommt sie, ziemlich gestresst, in Jogginghose, ungeschminkt, das feuchte Haar hochgesteckt und eine riesige Adidas-Tasche über die Schulter gehängt. Frau Bös mustert sie ungläubig, als sie sich zu ihr und ihrem Stück Kirschtorte an den Tisch setzt.
„Sag bloss, du treibst jetzt Sport!“
„Entschuldige, ja? Ich habe schon immer Sport getrieben“, lügt Frau Bitter, während sie den Kellner mit einem nervösen Winken auf sich aufmerksam macht. „Ich muss mich regelmässig auspowern, das entspannt.“ Sie rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und winkt dem Kellner zum siebten Mal, obwohl er sie längst gesehen hat. Ihre Freundin macht ein abschätziges Geräusch durch die Nase. „Ja, ich seh’s. Du wirkst wirklich saumässig entspannt. Du kannst ja keine Sekunde lang still sitzen. Was hast du denn gemacht? Dir auf dem Laufband einen elektrischen Schlag geholt?“ Frau Bös’ fieser Lacher lässt einige Köpfe im Café herumschnellen. Frau Bitter verzieht keine Miene. „Du hast echt keine Ahnung, Marianne. Fitnesscenter sind out. Ich mach Zumba.“
„Was?“
„Zumba.“
„Was ist denn das? Ein zentralafrikanisches Nationalgericht?“
Frau Bitter verdreht theatralisch die Augen. „Das ist eine Mischung aus Aerobic und lateinamerikanischen Tänzen. Ein ganzheitliches Workout, das alle Muskeln des Körpers gleichermassen beansprucht und erst noch das Gehirn trainiert. Schliesslich musst du dir Choreographien merken. Und die Musik ist cool, deshalb bin ich immer noch voll in Fahrt“, Frau Bitter verschränkt die Arme über dem Kopf und wackelt mit den Schultern. Sie sieht ein bisschen aus wie eine indische Tempeltänzerin – eine schlechte. Der Kellner kommt, und sie bestellt sich ein stilles Mineralwasser - Kohlensäure sei Gift für den Stoffwechsel, habe ihr der Zumba-Instruktor erklärt.
„Und ich sage dir“, fährt Frau Bitter lächelnd fort, „der ist im Fall so was von rattenscharf! Julio, ein leckerer Kolumbianer mit dunklem Teint und einem Sixpack, so was hast du noch nie gesehen! Und der kann sich vielleicht bewegen, der hat Hüften aus Gummi“, sie pfeift anerkennend und schüttelt die Hand, als hätte sie sich verbrannt.
Frau Bös gibt sich unbeeindruckt. „Soso, CCCCHHulio. Und du bist sicher, dass du wegen DIR in dieses Schwumba-Bumba gehst und nicht wegen IHM?“.
„Ich gehe, weil ich gesund und fit bleiben will“, Frau Bitters missbilligender Blick fällt auf das letzte Stück Kirschtorte vor ihrer Freundin, „und schlank.“
Frau Bös tut so, als hätte sie den unterschwelligen Vorwurf nicht gehört und spiesst das mit rosa Buttercrème überzogene Biscuit mit ihrer Gabel auf.
„Komm doch mal mit!“ Frau Bitters Stimme überschlägt sich fast vor Euphorie. „Es würde dir gefallen! Pro Stunde kannst du locker 1000 Kalorien verbrennen – sagen sie jedenfalls in der Werbung.“
Frau Bös kaut extra lange und wischt sich dann den Mund mit der Serviette. „Monika, ich ziehe englische Intellektuelle kolumbianischen Muskelpaketen vor. Und deshalb halte ich mich an Churchill selig: Sport ist Mord“, sie steht auf und streift sich ihre Jacke über. „So, und jetzt muss ich leider gehen. Ich hab noch einen Termin – auf meinem Sofa vor dem Fernseher. Tschüssi!“ Sie gibt ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange.
„Tschüss, Marianne!“ Frau Bitter kuckt ihr nach und wartet, bis sie das Café verlassen hat. Dann bestellt sie beim Kellner ein Stück Kirschtorte.
Und Frau Bös geht tatsächlich nach Hause.  Aber nicht vor den Fernseher - vor den Computer. Sie googlet im Internet „Zumba“ und „Julio“.  Sichtlich angetan von dem, was sie da sieht, bestellt sie sich online Julios Fitness-DVD.

Dienstag, 5. März 2013

Alter Ego 1: Zum Haare Raufen


Frau Bös sitzt in ihrem Lieblingscafé in der Stadt Zürich. Mittlerer Preis, immer gut besucht, bester Latte Macchiato. Sie wartet auf ihre Freundin. Frau Bitter hat Verspätung. Als sie endlich das Café betritt, trägt sie einen lächerlich grossen Hut. Sie hält den Kopf gesenkt, als ob sie sich schämen würde, und ist sichtlich froh, dass sie nicht lange nach dem Tisch mit Frau Bös suchen muss.
„Oh mein Gott“, kommentiert diese lakonisch, als sich ihre Freundin hastig setzt, ihren Mantel abstreift, den Hut aber auflässt. „Ich muss sagen, du siehst so richtig scheisse aus. Was soll denn dieser alberne Deckel auf deinem Kopf?“
„Sprich doch nicht so laut!“, zischt Frau Bitter sie durch ihre zusammengepressten Lippen an, das Kinn immer noch fast auf der Brust. „Ich hab ein echtes Problem! Ich wäre heute Morgen beinahe in Ohnmacht gefallen, als ich mich im Spiegel betrachtet habe!“
„Erst heute Morgen?“ Frau Bös kann sich ein lautes, heiseres Lachen nicht verkneifen. Der Tisch kommt ins Wackeln, und ein bisschen Schaum ihres Latte Macchiato landet auf ihrer weissen Bluse. „Oh, fuck!“, entfährt es ihr noch lauter als das Lachen, und nun haben die beiden Frauen definitiv die Aufmerksamkeit aller Cafébesucher auf ihrer Seite.
„Jetzt reiss dich doch mal zusammen!“, Frau Bitter schaut sich nervös um und zieht den Hut noch etwas tiefer ins Gesicht. „Es ist mir schon peinlich genug! Meinst du etwa, mir gefällt dieses Ding? Aber du glaubst ja nicht, was ich heute Morgen gefunden habe, Marianne!“  Frau Bitter lehnt sich über den Tisch, kuckt verschwörerisch nach links und rechts und lässt dann die Bombe platzen: „Graue Haare! Ein ganzes Dutzend! Mindestens! Mit Mitte 30! Das – das ist doch nicht normal, oder? Oh Gott, ich werde offiziell alt, Marianne – alt!!“
Frau Bös schüttelt ungläubig den Kopf, während sie versucht, mit ihrer Serviette den Kaffeefleck auf der Bluse wegzureiben – ohne Erfolg: „Sag mal, willst du mich eigentlich verarschen?? Und deswegen kreuzt du heute auf wie die Queen? Mein Gott, dann färb die Haare halt, wenn dich das so stört!!“
Frau Bitter ist entsetzt: „Weißt du denn nicht, wie verdammt schädlich das für die Haare ist? Und ausserdem sieht das doch jeder sofort, wenn es nicht die natürliche Farbe ist. Das finde ich – peinlich!“
„Peinlicher als dieses Monster aus Filz auf deinem Kopf?“, Frau Bös verzieht ihren Mund zu einem hämischen Grinsen. „Ehrlich, sogar mit Glatze sähest du hübscher aus als jetzt.“ Der Kellner kommt. Frau Bitter ist sorgsam darauf bedacht, ihn unter ihrem Hut nicht anzusehen, so unangenehm ist ihr ihre Aufmachung. „Eine Schale, bitte. Mit Assugrin.“ Ihre Freundin kann es nicht lassen: „Eine Schale, wie die auf ihrem Kopf, bitte: gross und geschmacklos!“ Frau Bös und der Kellner tauschen ein Lachen.
„Danke, du bist wirklich eine Freundin!“, herrscht Frau Bitter ihr Gegenüber an. Frau Bös lässt von ihrem Kaffeefleck ab und drapiert stattdessen ihre Halstuch kunstvoll darüber.
„Jetzt mal im Ernst, Monika. Du machst dich lächerlich mit deinem Problemchen. Graue Haare – na und? Stirbst du daran? Nein! Und ausserdem finde ich deinen hängenden Arsch viel schlimmer als deine Frisur.“
Frau Bitter stockt für ein paar Sekunden. Dann wandern ihre Augen ungewollt hinunter zu ihrem Allerwertesten. Sie zieht den Kopf zurück, als sie es bemerkt.
„Meinst du das jetzt ernst? Mein Arsch... mein Arsch sieht scheisse aus??“
„Nicht so scheisse wie deine Krähenfüsse.“
Frau Bitter zuckt zusammen, und es entfährt ihr ein kehliger Laut. Mit den Fingern ihrer rechter Hand tastet sie die Haut um ihre Augen ab, und blickt dabei verstohlen zu den Nachbarstischen hinüber, um sich zu vergewissern, ob den anderen Leuten ihre Falten auch schon aufgefallen sind.
„Oh Gott, Marianne, ist es denn wirklich so schlimm?“. Frau Bitter ist den Tränen nahe. „Ich meine, ich fühl mich doch noch total jung. Seh ich echt so alt aus?“
Frau Bös seufzt und erbarmt sich schliesslich. Sie verkneift sich die letzten bissigen Kommentare, die sie eigentlich noch auf der Zunge hätte, und tätschelt stattdessen ihrer Freundin liebevoll die Wange. „Nein, du Dummerchen, du siehst super aus. Und benehmen tust du dich eh wie ein Teenager,“ sie kuckt auf ihre Armbanduhr und trinkt dann hastig ihre Tasse aus, „da ist es doch gut, zeigt sich deine Reife wenigstens ein bisschen in deinen Haaren“ Frau Bös steht auf und zieht sich ihren Mantel an. Dabei beobachtet sie zufrieden, wie sich Frau Bitter langsam entspannt und in ihrem Stuhl zurücklehnt, dabei aber ein bisschen schnieft.
„So, und jetzt entschuldige mich bitte, Schätzchen, ich muss los.“ Sie drückt Frau Bitter einen Kuss auf die Wange und geht. Frau Bös hat nämlich noch einen längeren Termin beim Coiffeur. Und bei der Kosmetikerin. 


Montag, 4. März 2013

Politisch korrekt 1: Nicht viel Fleisch am Knochen


Frau Bös und Frau Bitter sitzen in ihrem Lieblingsrestaurant in Zürich. Mittlerer Preis, grosse Portionen, währschafte Küche. Sie brüten über der Menü-Karte.
Frau Bös: „Ich glaub, ich nehm das Entrecôte mit Butternudeln.“
Frau Bitter kuckt sie kurz – und vorwurfsvoll -  über den Kartenrand an.
„Also, ich ess ja kein Fleisch mehr.“
„Wieso denn das?“
Frau Bitter verdreht die Augen und macht ein Schnalzgeräusch. „Man weiss ja nicht mehr, was da alles drin ist! Die verkaufen dir Rind, dabei ist es Pferd – oder vielleicht sogar Hund!“
Frau Bös klappt demonstrativ die Karte zu und legt sie auf den Tisch.
„Mir doch egal. Hauptsache, es schmeckt.“
„Aber hast du denn den Kassensturz nicht gesehen? Da haben sie gezeigt, wie Pferde in einer Zucht irgendwo im Ausland total gequält werden, bevor sie sie schlachten. Und Kühen oder Schweinen geht’s nämlich auch nicht besser. Das ist doch voll unmenschlich!“
„Und das fällt dir jetzt erst ein?“, Frau Bös nimmt einen Schluck aus ihrem Rotweinglas und zieht lakonisch ihre Augenbrauen hoch. „Das war doch schon immer so. Und ich erinnere mich an Zeiten, da hast du dein Schnitzel und deine Saltimbocca noch seeeeeeehhhr genossen...“
„Ich hatte aber schon immer Gewissensbisse!“, wehrt sich Frau Bitter. Der Kellner kommt. „Und ich esse im Fall sowieso sehr wenig Fleisch. Und während des Studiums war ich im Fall mal Veganerin!“ Frau Bitter wendet sich dem Kellner zu: „Ich hätte gern die Gemüse-Lasagne und dazu einen grünen Salat.“
„Und ich nehme das ENTRECÔTE“, Frau Bös kuckt triumphierend zu ihrer Freundin hinüber, „BLUTIG, bitte!“
Frau Bitter schluckt hörbar und wartet, bis der Kellner abgezogen ist. Dann beugt sie sich zu Frau Bös hinüber und zischt: „Du bist so eine Egoistin, Marianne, ehrlich! Du denkst immer nur an dich selbst! Das ist doch wieder mal typisch! Die armen Tiere, echt! Also, ich könnte das nicht, immer nur an mich denken! Ich nicht! Weißt du, manchmal muss man halt auch mal auf was verzichten, das man gerne hätte, wenn man anderen damit etwas Gutes tun kann! Da würde auch dir kein Zacken aus der Krone fallen!“ Sie nimmt die Serviette vom Tisch und wischt sich damit demonstrativ das Makeup um die Augen wieder zurecht, das ihre während ihres leidenschaftlichen Vortrags etwas verschmiert war – dachte sie zumindest. 
Frau Bös grinst hämisch und lehnt sich lässig zurück: „Ohoooo, Frau Vasella!“
Ihre Freundin runzelt die Stirn. „Was, bitte, hat das jetzt mit dem Novartis-Typen zu tun?“
„Einiges. Ihr beide seid euch ähnlich. Heuchler! Weißt du, nur weil man plötzlich aufhört zu sündigen, heisst das noch lange nicht, dass man sich nicht schon längst schuldig gemacht hat. Vasella hat auf seine Millionen-Entschädigung verzichtet – aber erst, als die Öffentlichkeit ihm an die Gurgel ging. Du verzichtest jetzt auf Fleisch – aber erst, seit du die armen Rössli im Fernsehen gesehen hast. Ihr beide beruhigt auf diese Weise einfach euer Gewissen, weil ihr wisst, dass ihr euch in der Vergangenheit schon ein paar Mal versündigt habt. Der Gemeinschaft nützt das einen Dreck, es geht hier nur um euch und euer Ego. Ihr seid die grössten Egoisten!“.
Frau Bitter schüttelt abwehrend den Kopf. „Aber wenigsten sehe ich ja ein, dass ich Fehler gemacht habe. Und deshalb ziehe ich jetzt die Konsequenzen. Besser spät als nie!“ Der Kellner kommt mit zwei vollen Tellern auf einem Tablett. Er serviert den beiden Freundinnen das bestellte Essen. Frau Bitter kuckt angewidert auf Frau Bös’ Entrecôte: „Du aber, Marianne, machst einfach weiter so wie bisher. Ist das etwa kein Egoismus?“ Frau Bös schneidet sich ein Stückchen Fleisch ab und schiebt es sich in den Mund. „Doch“, sagt sie, genüsslich kauend, „aber ich steh wenigstens dazu. Wie du siehst, lass ich mich auch von dir nicht beirren. Ich mach, was mir gut tut, und es ist mir scheissegal, was andere zu meinem Verhalten sagen. Ich bin egoistisch, ja, aber wenigstens nicht heuchlerisch.“
Frau Bitter schaut ihrer Freundin zu, wie sie Bissen um Bissen zwischen ihren Zähnen verschwinden lässt. Sie spürt, wie ihr Magen leicht zu knurren beginnt und sich Wasser in ihrem Mund sammelt...
Auf dem Heimweg kommt Frau Bitter an der Metzgerei bei ihr um die Ecke vorbei. Kurz blickt sie sich um, als fühlte sie sich verfolgt. Dann geht sie hinein und kauft sich ein riesiges Steak, das sie sich zum Abendessen brät.