Frau Bitter sitzt in ihrem
Lieblingsrestaurant in Zürich. Mittlerer Preis, grosse Portionen, währschafte
Küche. Sie hat sich den besten Platz ganz hinten am Fenster gesichert und wartet
auf ihre Freundin. Als diese das Lokal betritt, ist sie nicht zu übersehen: eine
überdimensionale, schwarz-glänzende Daunenjacke mit Pelzkragen, dazu eine
riesige, fellbesetzte Mütze mit Schlappohren, die zusammen mit einem ungefähr
fünfmal geschlungenen Wollschal in Regenbogenfarben Frau Bös’ Gesicht fast
gänzlich verschwinden lässt. Die Hände stecken in dicken, lila Fäustlingen, und
ihre Beine enden in silbergrauen, unförmigen Moonboots, die ihren zierlichen Füssen
scheinbar Grösse 45 verleihen. Schwerfällig bahnt sich Frau Bös ihren Weg durch
das Restaurant zu ihrer Freundin, und stösst dabei mit ihrer breiten Montur
immer mal wieder an Tische, Stühle und Gäste. Diese kucken auch schon komisch,
was Frau Bitter nervös werden lässt.
„Marianne, wie siehst du
denn aus??“, zischt sie, als die Angesprochene endlich bei ihr angekommen ist. „Das
ist doch hier nicht Sibirien! Die Leute glotzen auch schon, das ist echt
peinlich...“ Frau Bitter legt instinktiv ihre Stirn in die aufgestützte Hand,
so, als ob sie sich ein bisschen verstecken wollte. Frau Bös schält sich indes
aus ihren Kleidern, und ein dicker Rentierpullover mit Rollkragen kommt zum
Vorschein. Sie ist sichtlich schlecht gelaunt.
„Peinlich? Ich sage dir,
was peinlich ist, Monika! Dieser scheiss Winter ist peinlich, aber so was von!“,
ihre Stimme klingt nasal und brüchig, offenbar ist sie erkältet. Schon wieder. „Er
weiss nämlich nicht, wann es Zeit ist, zu gehen! Und es ist jetzt verdammt
nochmal Ende März! ENDE MÄRZ!! Er soll sich endlich verpissen!!“ Den letzten
Satz schreit sie quasi ins Restaurant, und noch ein paar Augenpaare mehr heften
sich an die beiden Frauen am Fensterplatz. Frau Bös zieht ihre Mütze vom Kopf
und knallt sie vor sich auf den Tisch, dann lässt sie sich mit einem lauten
Plumpsen (auch die gefütterte Thermohose lässt nicht gerade viel
Bewegungsfreiheit) auf den Stuhl fallen.
„Und danke auch“, fährt sie
fort, während sie sich ein zerknülltes Taschentuch aus der Gesässtasche klaubt,
den Blick vorwurfsvoll auf ihre Freundin geheftet, „dass wir am Fenster sitzen
dürfen. Jetzt kann ich ja während des gesamten Mittagessens dem Schneegestöber
da draussen zukucken!“ Frau Bös schneuzt sich demonstrativ laut und lange und
wischt sich dann die rote Nase ab.
„Das ist doch nicht so
schlimm. Deswegen musst du hier doch nicht auftauchen wie ein Astronaut“, Frau
Bitter spricht leise, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Aber natürlich weiss sie, dass das nichts bringen wird.
„Entschuldigen Sie bitte,
dass ich friere und meine Garderobe darum nicht der aktuellen Haute Couture
anpasse, Madame!“, Frau Bös’ Augen werden noch wilder. „Dem Winter wirfst du ja
auch nicht vor, er sehe scheisse aus!“
Frau Bitter wirft einen Blick
aus dem Fenster und muss zugeben: das Wetter ist wahrlich garstig. Der Frühling
steht vor der Tür, aber die Strassen Zürichs sind immer noch von einer feinen,
weissen Schicht bedeckt. Alles ist in ein fahles Licht getaucht, der Himmel
irgendwie farblos und die Sicht verschwommen wegen des Nebels. Und das Schlimmste:
es ist tatsächlich saukalt!
Trotzdem versucht es Frau
Bitter nun mit Optimismus: „Naja, der Winter dauert dieses Jahr halt ein
bisschen länger. Ich glaube, dafür wird dann der Sommer umso schöner“.
„Es ist mir grad
scheissegal, wie der Sommer sein wird!“, giftet Frau Bös drauf los, ganz
offensichtlich nicht vom Optimismus angesteckt und die Backen immer noch rot
von der Kälte. „Weil: ich seh ihn grad nirgends! Weit und breit nur arschkalt,
grau und windig! Der Winter ist ein Arschloch!!“
Das letzte Wort lässt den
Kellner ganz kurz Grinsen. Er ist mittlerweile an den Tisch der beiden
Freundinnen gekommen, um die Bestellung aufzunehmen.
„Gerstensuppe und Glühwein
– beides bitte dampfend heiss!“, sagt Frau Bös zu ihm in einem Ton, der keine
Widerrede zulässt. Sie hat nicht einen Blick in die Karte geworfen. Frau Bitter
hingegen schon, sie sucht mit dem rechten Zeigfinger die richtige Stelle auf
Seite 3 und meint dann: „Für mich bitte die Forelle auf Frühlingsgemüse und
eine Cola light. Mit Eis.“
Frau Bös’ hämischer Blick
bleibt auf ihrer Freundin haften, als der Kellner in Richtung Küche
verschwindet. Völlig unbeweglich sitzt sie auf ihrem Stuhl – was nicht nur mit
dem Schock, sondern vor allem mit ihren dicken Kleidern zu tun hat.
„Gott. Seit wann bist du
denn so optimistisch, Monika? Hat dir der verdammte Winter deine rechte
Gehirnhälfte eingefroren, und damit all deine Zweifel, Sorgen und Problemchen?“
Sie versucht ein Lachen, da ihre Lippen wegen der Kälte aber etwas
aufgesprungen sind, tut es weh, als sie die Mundwinkel nach oben zieht. Sie
belässt es deshalb bei einem hörbaren Schnauben.
Frau Bitter zieht nur kurz
die Schultern hoch und wendet sich dann ab. Sie schaut aus dem Fenster in die
winterliche Märzlandschaft. Ihr macht das Wetter nichts aus. Erstens liebt sie
ihren neuen, schicken, knöchellangen Wollmantel, den sie im Ausverkauf zum
halben Preis ergattert hat. Er steht ihr vorzüglich, und insgeheim hofft sie,
dass sie ihn noch bis in den April hinein tragen kann. Und zweitens hat sie
Ferien gebucht. Nächste Woche geht es für zehn Tage in die Karibik.