Montag, 4. März 2013

Politisch korrekt 1: Nicht viel Fleisch am Knochen


Frau Bös und Frau Bitter sitzen in ihrem Lieblingsrestaurant in Zürich. Mittlerer Preis, grosse Portionen, währschafte Küche. Sie brüten über der Menü-Karte.
Frau Bös: „Ich glaub, ich nehm das Entrecôte mit Butternudeln.“
Frau Bitter kuckt sie kurz – und vorwurfsvoll -  über den Kartenrand an.
„Also, ich ess ja kein Fleisch mehr.“
„Wieso denn das?“
Frau Bitter verdreht die Augen und macht ein Schnalzgeräusch. „Man weiss ja nicht mehr, was da alles drin ist! Die verkaufen dir Rind, dabei ist es Pferd – oder vielleicht sogar Hund!“
Frau Bös klappt demonstrativ die Karte zu und legt sie auf den Tisch.
„Mir doch egal. Hauptsache, es schmeckt.“
„Aber hast du denn den Kassensturz nicht gesehen? Da haben sie gezeigt, wie Pferde in einer Zucht irgendwo im Ausland total gequält werden, bevor sie sie schlachten. Und Kühen oder Schweinen geht’s nämlich auch nicht besser. Das ist doch voll unmenschlich!“
„Und das fällt dir jetzt erst ein?“, Frau Bös nimmt einen Schluck aus ihrem Rotweinglas und zieht lakonisch ihre Augenbrauen hoch. „Das war doch schon immer so. Und ich erinnere mich an Zeiten, da hast du dein Schnitzel und deine Saltimbocca noch seeeeeeehhhr genossen...“
„Ich hatte aber schon immer Gewissensbisse!“, wehrt sich Frau Bitter. Der Kellner kommt. „Und ich esse im Fall sowieso sehr wenig Fleisch. Und während des Studiums war ich im Fall mal Veganerin!“ Frau Bitter wendet sich dem Kellner zu: „Ich hätte gern die Gemüse-Lasagne und dazu einen grünen Salat.“
„Und ich nehme das ENTRECÔTE“, Frau Bös kuckt triumphierend zu ihrer Freundin hinüber, „BLUTIG, bitte!“
Frau Bitter schluckt hörbar und wartet, bis der Kellner abgezogen ist. Dann beugt sie sich zu Frau Bös hinüber und zischt: „Du bist so eine Egoistin, Marianne, ehrlich! Du denkst immer nur an dich selbst! Das ist doch wieder mal typisch! Die armen Tiere, echt! Also, ich könnte das nicht, immer nur an mich denken! Ich nicht! Weißt du, manchmal muss man halt auch mal auf was verzichten, das man gerne hätte, wenn man anderen damit etwas Gutes tun kann! Da würde auch dir kein Zacken aus der Krone fallen!“ Sie nimmt die Serviette vom Tisch und wischt sich damit demonstrativ das Makeup um die Augen wieder zurecht, das ihre während ihres leidenschaftlichen Vortrags etwas verschmiert war – dachte sie zumindest. 
Frau Bös grinst hämisch und lehnt sich lässig zurück: „Ohoooo, Frau Vasella!“
Ihre Freundin runzelt die Stirn. „Was, bitte, hat das jetzt mit dem Novartis-Typen zu tun?“
„Einiges. Ihr beide seid euch ähnlich. Heuchler! Weißt du, nur weil man plötzlich aufhört zu sündigen, heisst das noch lange nicht, dass man sich nicht schon längst schuldig gemacht hat. Vasella hat auf seine Millionen-Entschädigung verzichtet – aber erst, als die Öffentlichkeit ihm an die Gurgel ging. Du verzichtest jetzt auf Fleisch – aber erst, seit du die armen Rössli im Fernsehen gesehen hast. Ihr beide beruhigt auf diese Weise einfach euer Gewissen, weil ihr wisst, dass ihr euch in der Vergangenheit schon ein paar Mal versündigt habt. Der Gemeinschaft nützt das einen Dreck, es geht hier nur um euch und euer Ego. Ihr seid die grössten Egoisten!“.
Frau Bitter schüttelt abwehrend den Kopf. „Aber wenigsten sehe ich ja ein, dass ich Fehler gemacht habe. Und deshalb ziehe ich jetzt die Konsequenzen. Besser spät als nie!“ Der Kellner kommt mit zwei vollen Tellern auf einem Tablett. Er serviert den beiden Freundinnen das bestellte Essen. Frau Bitter kuckt angewidert auf Frau Bös’ Entrecôte: „Du aber, Marianne, machst einfach weiter so wie bisher. Ist das etwa kein Egoismus?“ Frau Bös schneidet sich ein Stückchen Fleisch ab und schiebt es sich in den Mund. „Doch“, sagt sie, genüsslich kauend, „aber ich steh wenigstens dazu. Wie du siehst, lass ich mich auch von dir nicht beirren. Ich mach, was mir gut tut, und es ist mir scheissegal, was andere zu meinem Verhalten sagen. Ich bin egoistisch, ja, aber wenigstens nicht heuchlerisch.“
Frau Bitter schaut ihrer Freundin zu, wie sie Bissen um Bissen zwischen ihren Zähnen verschwinden lässt. Sie spürt, wie ihr Magen leicht zu knurren beginnt und sich Wasser in ihrem Mund sammelt...
Auf dem Heimweg kommt Frau Bitter an der Metzgerei bei ihr um die Ecke vorbei. Kurz blickt sie sich um, als fühlte sie sich verfolgt. Dann geht sie hinein und kauft sich ein riesiges Steak, das sie sich zum Abendessen brät. 




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