Montag, 25. März 2013

Sozial verträglich 3: Der Winter ist ein Arschloch


Frau Bitter sitzt in ihrem Lieblingsrestaurant in Zürich. Mittlerer Preis, grosse Portionen, währschafte Küche. Sie hat sich den besten Platz ganz hinten am Fenster gesichert und wartet auf ihre Freundin. Als diese das Lokal betritt, ist sie nicht zu übersehen: eine überdimensionale, schwarz-glänzende Daunenjacke mit Pelzkragen, dazu eine riesige, fellbesetzte Mütze mit Schlappohren, die zusammen mit einem ungefähr fünfmal geschlungenen Wollschal in Regenbogenfarben Frau Bös’ Gesicht fast gänzlich verschwinden lässt. Die Hände stecken in dicken, lila Fäustlingen, und ihre Beine enden in silbergrauen, unförmigen Moonboots, die ihren zierlichen Füssen scheinbar Grösse 45 verleihen. Schwerfällig bahnt sich Frau Bös ihren Weg durch das Restaurant zu ihrer Freundin, und stösst dabei mit ihrer breiten Montur immer mal wieder an Tische, Stühle und Gäste. Diese kucken auch schon komisch, was Frau Bitter nervös werden lässt.
„Marianne, wie siehst du denn aus??“, zischt sie, als die Angesprochene endlich bei ihr angekommen ist. „Das ist doch hier nicht Sibirien! Die Leute glotzen auch schon, das ist echt peinlich...“ Frau Bitter legt instinktiv ihre Stirn in die aufgestützte Hand, so, als ob sie sich ein bisschen verstecken wollte. Frau Bös schält sich indes aus ihren Kleidern, und ein dicker Rentierpullover mit Rollkragen kommt zum Vorschein. Sie ist sichtlich schlecht gelaunt.
„Peinlich? Ich sage dir, was peinlich ist, Monika! Dieser scheiss Winter ist peinlich, aber so was von!“, ihre Stimme klingt nasal und brüchig, offenbar ist sie erkältet. Schon wieder. „Er weiss nämlich nicht, wann es Zeit ist, zu gehen! Und es ist jetzt verdammt nochmal Ende März! ENDE MÄRZ!! Er soll sich endlich verpissen!!“ Den letzten Satz schreit sie quasi ins Restaurant, und noch ein paar Augenpaare mehr heften sich an die beiden Frauen am Fensterplatz. Frau Bös zieht ihre Mütze vom Kopf und knallt sie vor sich auf den Tisch, dann lässt sie sich mit einem lauten Plumpsen (auch die gefütterte Thermohose lässt nicht gerade viel Bewegungsfreiheit) auf den Stuhl fallen.
„Und danke auch“, fährt sie fort, während sie sich ein zerknülltes Taschentuch aus der Gesässtasche klaubt, den Blick vorwurfsvoll auf ihre Freundin geheftet, „dass wir am Fenster sitzen dürfen. Jetzt kann ich ja während des gesamten Mittagessens dem Schneegestöber da draussen zukucken!“ Frau Bös schneuzt sich demonstrativ laut und lange und wischt sich dann die rote Nase ab.
„Das ist doch nicht so schlimm. Deswegen musst du hier doch nicht auftauchen wie ein Astronaut“, Frau Bitter spricht leise, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber natürlich weiss sie, dass das nichts bringen wird.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich friere und meine Garderobe darum nicht der aktuellen Haute Couture anpasse, Madame!“, Frau Bös’ Augen werden noch wilder. „Dem Winter wirfst du ja auch nicht vor, er sehe scheisse aus!“
Frau Bitter wirft einen Blick aus dem Fenster und muss zugeben: das Wetter ist wahrlich garstig. Der Frühling steht vor der Tür, aber die Strassen Zürichs sind immer noch von einer feinen, weissen Schicht bedeckt. Alles ist in ein fahles Licht getaucht, der Himmel irgendwie farblos und die Sicht verschwommen wegen des Nebels. Und das Schlimmste: es ist tatsächlich saukalt!
Trotzdem versucht es Frau Bitter nun mit Optimismus: „Naja, der Winter dauert dieses Jahr halt ein bisschen länger. Ich glaube, dafür wird dann der Sommer umso schöner“.
„Es ist mir grad scheissegal, wie der Sommer sein wird!“, giftet Frau Bös drauf los, ganz offensichtlich nicht vom Optimismus angesteckt und die Backen immer noch rot von der Kälte. „Weil: ich seh ihn grad nirgends! Weit und breit nur arschkalt, grau und windig! Der Winter ist ein Arschloch!!“
Das letzte Wort lässt den Kellner ganz kurz Grinsen. Er ist mittlerweile an den Tisch der beiden Freundinnen gekommen, um die Bestellung aufzunehmen.
„Gerstensuppe und Glühwein – beides bitte dampfend heiss!“, sagt Frau Bös zu ihm in einem Ton, der keine Widerrede zulässt. Sie hat nicht einen Blick in die Karte geworfen. Frau Bitter hingegen schon, sie sucht mit dem rechten Zeigfinger die richtige Stelle auf Seite 3 und meint dann: „Für mich bitte die Forelle auf Frühlingsgemüse und eine Cola light. Mit Eis.“
Frau Bös’ hämischer Blick bleibt auf ihrer Freundin haften, als der Kellner in Richtung Küche verschwindet. Völlig unbeweglich sitzt sie auf ihrem Stuhl – was nicht nur mit dem Schock, sondern vor allem mit ihren dicken Kleidern zu tun hat.
„Gott. Seit wann bist du denn so optimistisch, Monika? Hat dir der verdammte Winter deine rechte Gehirnhälfte eingefroren, und damit all deine Zweifel, Sorgen und Problemchen?“ Sie versucht ein Lachen, da ihre Lippen wegen der Kälte aber etwas aufgesprungen sind, tut es weh, als sie die Mundwinkel nach oben zieht. Sie belässt es deshalb bei einem hörbaren Schnauben.
Frau Bitter zieht nur kurz die Schultern hoch und wendet sich dann ab. Sie schaut aus dem Fenster in die winterliche Märzlandschaft. Ihr macht das Wetter nichts aus. Erstens liebt sie ihren neuen, schicken, knöchellangen Wollmantel, den sie im Ausverkauf zum halben Preis ergattert hat. Er steht ihr vorzüglich, und insgeheim hofft sie, dass sie ihn noch bis in den April hinein tragen kann. Und zweitens hat sie Ferien gebucht. Nächste Woche geht es für zehn Tage in die Karibik. 

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