Frau Bös sitzt in ihrem Lieblingscafé in der Stadt Zürich.
Mittlerer Preis, immer gut besucht, bester Latte Macchiato. Sie wartet auf ihre
Freundin. Frau Bitter hat Verspätung. Als sie endlich das Café betritt, trägt
sie einen lächerlich grossen Hut. Sie hält den Kopf gesenkt, als
ob sie sich schämen würde, und ist sichtlich froh, dass sie nicht lange nach dem
Tisch mit Frau Bös suchen muss.
„Oh mein Gott“, kommentiert diese lakonisch, als sich ihre
Freundin hastig setzt, ihren Mantel abstreift, den Hut aber auflässt. „Ich muss
sagen, du siehst so richtig scheisse aus. Was soll denn dieser alberne Deckel
auf deinem Kopf?“
„Sprich doch nicht so laut!“, zischt Frau Bitter sie durch
ihre zusammengepressten Lippen an, das Kinn immer noch fast auf der Brust. „Ich
hab ein echtes Problem! Ich wäre heute Morgen beinahe in Ohnmacht gefallen, als
ich mich im Spiegel betrachtet habe!“
„Erst heute Morgen?“ Frau Bös kann sich ein lautes,
heiseres Lachen nicht verkneifen. Der Tisch kommt ins Wackeln, und ein bisschen
Schaum ihres Latte Macchiato landet auf ihrer weissen Bluse. „Oh, fuck!“,
entfährt es ihr noch lauter als das Lachen, und nun haben die beiden Frauen
definitiv die Aufmerksamkeit aller Cafébesucher auf ihrer Seite.
„Jetzt reiss dich doch mal zusammen!“, Frau Bitter schaut
sich nervös um und zieht den Hut noch etwas tiefer ins Gesicht. „Es ist mir
schon peinlich genug! Meinst du etwa, mir gefällt dieses Ding? Aber du glaubst
ja nicht, was ich heute Morgen gefunden habe, Marianne!“ Frau Bitter lehnt sich über den Tisch, kuckt
verschwörerisch nach links und rechts und lässt dann die Bombe platzen: „Graue
Haare! Ein ganzes Dutzend! Mindestens! Mit Mitte 30! Das – das ist doch nicht
normal, oder? Oh Gott, ich werde offiziell alt, Marianne – alt!!“
Frau Bös schüttelt ungläubig den Kopf, während sie
versucht, mit ihrer Serviette den Kaffeefleck auf der Bluse wegzureiben – ohne
Erfolg: „Sag mal, willst du mich eigentlich verarschen?? Und deswegen kreuzt du
heute auf wie die Queen? Mein Gott, dann färb die Haare halt, wenn dich das so
stört!!“
Frau Bitter ist entsetzt: „Weißt du denn nicht, wie
verdammt schädlich das für die Haare ist? Und ausserdem sieht das doch jeder
sofort, wenn es nicht die natürliche Farbe ist. Das finde ich – peinlich!“
„Peinlicher als dieses Monster aus Filz auf deinem Kopf?“,
Frau Bös verzieht ihren Mund zu einem hämischen Grinsen. „Ehrlich, sogar mit
Glatze sähest du hübscher aus als jetzt.“ Der Kellner kommt. Frau Bitter ist
sorgsam darauf bedacht, ihn unter ihrem Hut nicht anzusehen, so unangenehm ist
ihr ihre Aufmachung. „Eine Schale, bitte. Mit Assugrin.“ Ihre Freundin kann es
nicht lassen: „Eine Schale, wie die auf ihrem Kopf, bitte: gross und
geschmacklos!“ Frau Bös und der Kellner tauschen ein Lachen.
„Danke, du bist wirklich eine Freundin!“, herrscht Frau
Bitter ihr Gegenüber an. Frau Bös lässt von ihrem Kaffeefleck ab und drapiert
stattdessen ihre Halstuch kunstvoll darüber.
„Jetzt mal im Ernst, Monika. Du machst dich lächerlich mit
deinem Problemchen. Graue Haare – na und? Stirbst du daran? Nein! Und ausserdem
finde ich deinen hängenden Arsch viel schlimmer als deine Frisur.“
Frau Bitter stockt für ein paar Sekunden. Dann wandern ihre
Augen ungewollt hinunter zu ihrem Allerwertesten. Sie zieht den Kopf zurück,
als sie es bemerkt.
„Meinst du das jetzt ernst? Mein Arsch... mein Arsch sieht
scheisse aus??“
„Nicht so scheisse wie deine Krähenfüsse.“
Frau Bitter zuckt zusammen, und es entfährt ihr ein
kehliger Laut. Mit den Fingern ihrer rechter Hand tastet sie die Haut um ihre
Augen ab, und blickt dabei verstohlen zu den Nachbarstischen hinüber, um sich
zu vergewissern, ob den anderen Leuten ihre Falten auch schon aufgefallen
sind.
„Oh Gott, Marianne, ist es denn wirklich so schlimm?“. Frau
Bitter ist den Tränen nahe. „Ich meine, ich fühl mich doch noch total jung. Seh
ich echt so alt aus?“
Frau Bös seufzt und erbarmt sich schliesslich. Sie verkneift
sich die letzten bissigen Kommentare, die sie eigentlich noch auf der Zunge
hätte, und tätschelt stattdessen ihrer Freundin liebevoll die Wange. „Nein, du
Dummerchen, du siehst super aus. Und benehmen tust du dich eh wie ein Teenager,“
sie kuckt auf ihre Armbanduhr und trinkt dann hastig ihre Tasse aus, „da ist es
doch gut, zeigt sich deine Reife wenigstens ein bisschen in deinen Haaren“
Frau Bös steht auf und zieht sich ihren Mantel an. Dabei beobachtet sie zufrieden,
wie sich Frau Bitter langsam entspannt und in ihrem Stuhl zurücklehnt, dabei
aber ein bisschen schnieft.
„So, und jetzt entschuldige mich bitte, Schätzchen, ich
muss los.“ Sie drückt Frau Bitter einen Kuss auf die Wange und geht. Frau Bös
hat nämlich noch einen längeren Termin beim Coiffeur. Und bei der Kosmetikerin.
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