Dienstag, 5. März 2013

Alter Ego 1: Zum Haare Raufen


Frau Bös sitzt in ihrem Lieblingscafé in der Stadt Zürich. Mittlerer Preis, immer gut besucht, bester Latte Macchiato. Sie wartet auf ihre Freundin. Frau Bitter hat Verspätung. Als sie endlich das Café betritt, trägt sie einen lächerlich grossen Hut. Sie hält den Kopf gesenkt, als ob sie sich schämen würde, und ist sichtlich froh, dass sie nicht lange nach dem Tisch mit Frau Bös suchen muss.
„Oh mein Gott“, kommentiert diese lakonisch, als sich ihre Freundin hastig setzt, ihren Mantel abstreift, den Hut aber auflässt. „Ich muss sagen, du siehst so richtig scheisse aus. Was soll denn dieser alberne Deckel auf deinem Kopf?“
„Sprich doch nicht so laut!“, zischt Frau Bitter sie durch ihre zusammengepressten Lippen an, das Kinn immer noch fast auf der Brust. „Ich hab ein echtes Problem! Ich wäre heute Morgen beinahe in Ohnmacht gefallen, als ich mich im Spiegel betrachtet habe!“
„Erst heute Morgen?“ Frau Bös kann sich ein lautes, heiseres Lachen nicht verkneifen. Der Tisch kommt ins Wackeln, und ein bisschen Schaum ihres Latte Macchiato landet auf ihrer weissen Bluse. „Oh, fuck!“, entfährt es ihr noch lauter als das Lachen, und nun haben die beiden Frauen definitiv die Aufmerksamkeit aller Cafébesucher auf ihrer Seite.
„Jetzt reiss dich doch mal zusammen!“, Frau Bitter schaut sich nervös um und zieht den Hut noch etwas tiefer ins Gesicht. „Es ist mir schon peinlich genug! Meinst du etwa, mir gefällt dieses Ding? Aber du glaubst ja nicht, was ich heute Morgen gefunden habe, Marianne!“  Frau Bitter lehnt sich über den Tisch, kuckt verschwörerisch nach links und rechts und lässt dann die Bombe platzen: „Graue Haare! Ein ganzes Dutzend! Mindestens! Mit Mitte 30! Das – das ist doch nicht normal, oder? Oh Gott, ich werde offiziell alt, Marianne – alt!!“
Frau Bös schüttelt ungläubig den Kopf, während sie versucht, mit ihrer Serviette den Kaffeefleck auf der Bluse wegzureiben – ohne Erfolg: „Sag mal, willst du mich eigentlich verarschen?? Und deswegen kreuzt du heute auf wie die Queen? Mein Gott, dann färb die Haare halt, wenn dich das so stört!!“
Frau Bitter ist entsetzt: „Weißt du denn nicht, wie verdammt schädlich das für die Haare ist? Und ausserdem sieht das doch jeder sofort, wenn es nicht die natürliche Farbe ist. Das finde ich – peinlich!“
„Peinlicher als dieses Monster aus Filz auf deinem Kopf?“, Frau Bös verzieht ihren Mund zu einem hämischen Grinsen. „Ehrlich, sogar mit Glatze sähest du hübscher aus als jetzt.“ Der Kellner kommt. Frau Bitter ist sorgsam darauf bedacht, ihn unter ihrem Hut nicht anzusehen, so unangenehm ist ihr ihre Aufmachung. „Eine Schale, bitte. Mit Assugrin.“ Ihre Freundin kann es nicht lassen: „Eine Schale, wie die auf ihrem Kopf, bitte: gross und geschmacklos!“ Frau Bös und der Kellner tauschen ein Lachen.
„Danke, du bist wirklich eine Freundin!“, herrscht Frau Bitter ihr Gegenüber an. Frau Bös lässt von ihrem Kaffeefleck ab und drapiert stattdessen ihre Halstuch kunstvoll darüber.
„Jetzt mal im Ernst, Monika. Du machst dich lächerlich mit deinem Problemchen. Graue Haare – na und? Stirbst du daran? Nein! Und ausserdem finde ich deinen hängenden Arsch viel schlimmer als deine Frisur.“
Frau Bitter stockt für ein paar Sekunden. Dann wandern ihre Augen ungewollt hinunter zu ihrem Allerwertesten. Sie zieht den Kopf zurück, als sie es bemerkt.
„Meinst du das jetzt ernst? Mein Arsch... mein Arsch sieht scheisse aus??“
„Nicht so scheisse wie deine Krähenfüsse.“
Frau Bitter zuckt zusammen, und es entfährt ihr ein kehliger Laut. Mit den Fingern ihrer rechter Hand tastet sie die Haut um ihre Augen ab, und blickt dabei verstohlen zu den Nachbarstischen hinüber, um sich zu vergewissern, ob den anderen Leuten ihre Falten auch schon aufgefallen sind.
„Oh Gott, Marianne, ist es denn wirklich so schlimm?“. Frau Bitter ist den Tränen nahe. „Ich meine, ich fühl mich doch noch total jung. Seh ich echt so alt aus?“
Frau Bös seufzt und erbarmt sich schliesslich. Sie verkneift sich die letzten bissigen Kommentare, die sie eigentlich noch auf der Zunge hätte, und tätschelt stattdessen ihrer Freundin liebevoll die Wange. „Nein, du Dummerchen, du siehst super aus. Und benehmen tust du dich eh wie ein Teenager,“ sie kuckt auf ihre Armbanduhr und trinkt dann hastig ihre Tasse aus, „da ist es doch gut, zeigt sich deine Reife wenigstens ein bisschen in deinen Haaren“ Frau Bös steht auf und zieht sich ihren Mantel an. Dabei beobachtet sie zufrieden, wie sich Frau Bitter langsam entspannt und in ihrem Stuhl zurücklehnt, dabei aber ein bisschen schnieft.
„So, und jetzt entschuldige mich bitte, Schätzchen, ich muss los.“ Sie drückt Frau Bitter einen Kuss auf die Wange und geht. Frau Bös hat nämlich noch einen längeren Termin beim Coiffeur. Und bei der Kosmetikerin. 


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