Frau Bitter und Frau Bös sitzen in ihrer Lieblingsbar in
der Stadt Zürich. Schickes Interieur, immer gut besucht, bester Cosmopolitan. Die
beiden Freundinnen haben sich auf einem der hippen Sofas mit Zebramuster
eingerichtet. Frau Bitter ist sichtlich aufgebracht.
„Marianne, ich verstehe das einfach nicht. Du kannst doch
nicht für den Rest deines Lebens deine Männer wechseln wie Unterhosen! Wo soll
denn das bloss hinführen?“
„Ja, wohin bloss?“, Frau Bös nimmt einen Schluck aus ihrem
Glas, es ist bereits ihr zweiter Cosmopolitan. „Ich muss nirgendwo hin, ich verfolge
ja kein bestimmtes Ziel.“
Frau Bitter schüttelt genervt den Kopf. „Aber denk doch
auch mal an die Zukunft! Du bist keine 20 mehr. Was, wenn du doch noch Familie
willst? Dann müsstest du dich aber langsam entscheiden!“
„Ja, ich kann mich morgen schwängern lassen und ein
Kinderzimmer einrichten – wo ist das Problem?“
„Und der Vater?“
„Der kann sein Kind jederzeit besuchen oder es zu sich
nehmen – in seiner eigenen Wohnung, weit weg von meiner,“ Frau Bös lehnt sich
locker auf dem Sofa zurück und breitet beide Arme auf der Rückenlehne aus. Sie
schlägt in einer grossen Geste das linke Bein über das rechte und wippt mit dem
Fuss zum Takt der Lounge-Musik. Diese Nonchalence bringt ihre Freundin nur noch
mehr aus der Fassung. Sie greift nach ihrem Drink vor sich auf dem Tischchen
und stochert mit dem Strohhalm in den Eiswürfeln herum.
„Liebe, Marianne. Weißt du, was das ist? Liebe! Wenn du
jemanden richtig liebst, dann willst du mit dieser Person zusammen sein. Und
zwar nur mit dieser.“
„Liebe, Monika, so wie du sie in Filmen und Büchern
vorfindest, gibt es nicht“, kontert Frau Bös energisch, „Liebe ist eine
chemische Reaktion in unseren Gehirnen. Man fühlt sich zu Personen hingezogen,
weil diese gerade zu einem passen, sei es nun sexuell oder spirituell oder was
auch immer. Und dann verbringt man eine gewisse Zeit zusammen, geniesst sie,
und irgendwann passt es halt nicht mehr. Dann gibt es wieder neue chemische
Reaktionen bei neuen Begegnungen.“
Frau Bitter stellt ihr Glas zurück auf das Tischchen und
schaut ihre Freundin eindringlich an:
„Ich glaube nicht, dass man Liebe so rational erklären
kann. Sonst würde nicht so viel darüber geschrieben, gesungen und
philosophiert.“
„Es wird auch ziemlich viel über Krieg gesungen und
philosophiert. Und der lässt sich
ziemlich gut rational erklären, finde ich. Gut, Liebe und Krieg, das ist ja
irgendwie auch dasselbe. Deine Beziehung jedenfalls ähnelt in meinen Augen einem
Schlachtfeld!“ Frau Bös will lachen über ihren Scherz, verschluckt sich dabei
aber an ihrem Cosmopolitan. Sie presst sich eine Serviette auf die Lippen. Frau
Bitter verschränkt beleidigt die Arme.
„Haha, sehr witzig! Du bist doch bloss neidisch, weil du
niemanden hast, der für dich da ist!“
Frau Bös’ Hustenanfall wird immer schlimmer, so dass die
versammelte Zürcher Szene in der Bar neugierig zu den beiden Frauen blickt. Frau
Bös windet sich auf dem Sofa, Schweissperlen bilden sich auf ihrer Stirn. Sie
hält sich noch immer die Serviette vor den Mund, mit der anderen Hand öffnet
sie die Knöpfe ihrer Bluse, in der Hoffnung, sei bekäme dann besser Luft.
Schliesslich erbarmt sich Frau Bitter und will ihrer Freundin den Rücken klopfen.
Frau Bös wehrt sich mit Händen und Füssen dagegen und schüttelt dabei so heftig
den Kopf, dass ihr dunkler Pony von links nach rechts fliegt. Die Blicke der
anderen Gäste werden immer besorgter. Doch dann schwappt das Prusten und
Keuchen endlich in ein schallendes Gelächter über, und der Raum entspannt sich
spürbar. Frau Bös wirft sich flach auf das Sofa und zappelt mit ihren Beinen in
der Luft. Dabei trifft sie mit einem ihrer High Heels ihren Cosmopolitan auf
dem Tischchen, und das Glas zersplittert mit einem lauten Knall.
Frau Bitter packt sich eine Serviette und tupft die rote
Flüssigkeit vom Boden auf. Dabei flucht sie lautlos (sie will nicht noch mehr
Aufmerksamkeit auf sich ziehen).
Frau Bös erholt sich langsam, setzt sich auf und wischt
sich mit einem Taschentuch die schwarzen Makeup-Spuren unter den Augen weg, die
ihr die Freudentränen beschert haben. Sie wird immer noch ab und zu von einem
Lacher geschüttelt.
„Ich soll neidisch auf dich sein, Monika, ICH? Entschuldige,
du erzählst mir jede Woche, was dich an deinem Freund so nervt und wie ihr euch
dauernd wieder finden und arrangieren müsst. Ihr haltet eure Zweisamkeit
künstlich aufrecht, nur, weil ihr Angst habt, allein zu sein. Ihr teilt euch
schon so viel, dass eine Trennung echt Umstände machen würde. Und es würde
saumässig weh tun.“
Der Kellner kommt mit einem Besen und einem Abfalleimer, um
die Scherben auf dem Boden unschädlich zu machen. Frau Bös bestellt sich bei
dieser Gelegenheit noch einen Cosmo und fährt dann fort: „Ich aber teile mit
den Männern nur so lange so viel, wie wir beide ertragen können. So bald es
nicht mehr klappt, können sich unsere Wege in aller Freundschaft trennen.
Niemand schuldet dem anderen etwas. Wir hatten eine schöne Zeit, fertig.“ Frau
Bös macht eine finale Geste mit beiden Händen und wendet sich dann ab. Ihr
Blick fällt auf ein Pärchen an der Bar. Er streicht ihr liebevoll das Haar aus
der Stirn. Sie hält selig lächelnd seine Hand. Und Frau Bös wehrt sich gegen
das warme Gefühl in der Herzgegend, das plötzlich in ihr aufsteigt.
Frau Bitter blickt sie schweigend von der Seite an.
‚Jaja’, denkt sie sich, ‚und irgendwann bist du alt und bereust, dass du jetzt
einsam sterben musst. Dass niemand für dich da ist in schlechten Zeiten.’ Aber
dann fragt sie sich verbittert, wieso sie eigentlich nie so gelöst und herzhaft
lachen kann wie ihre Freundin.
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