Donnerstag, 14. März 2013

Sozial verträglich 2: Liebesmüh


   Frau Bitter und Frau Bös sitzen in ihrer Lieblingsbar in der Stadt Zürich. Schickes Interieur, immer gut besucht, bester Cosmopolitan. Die beiden Freundinnen haben sich auf einem der hippen Sofas mit Zebramuster eingerichtet. Frau Bitter ist sichtlich aufgebracht.
„Marianne, ich verstehe das einfach nicht. Du kannst doch nicht für den Rest deines Lebens deine Männer wechseln wie Unterhosen! Wo soll denn das bloss hinführen?“
„Ja, wohin bloss?“, Frau Bös nimmt einen Schluck aus ihrem Glas, es ist bereits ihr zweiter Cosmopolitan. „Ich muss nirgendwo hin, ich verfolge ja kein bestimmtes Ziel.“
Frau Bitter schüttelt genervt den Kopf. „Aber denk doch auch mal an die Zukunft! Du bist keine 20 mehr. Was, wenn du doch noch Familie willst? Dann müsstest du dich aber langsam entscheiden!“
„Ja, ich kann mich morgen schwängern lassen und ein Kinderzimmer einrichten – wo ist das Problem?“
„Und der Vater?“
„Der kann sein Kind jederzeit besuchen oder es zu sich nehmen – in seiner eigenen Wohnung, weit weg von meiner,“ Frau Bös lehnt sich locker auf dem Sofa zurück und breitet beide Arme auf der Rückenlehne aus. Sie schlägt in einer grossen Geste das linke Bein über das rechte und wippt mit dem Fuss zum Takt der Lounge-Musik. Diese Nonchalence bringt ihre Freundin nur noch mehr aus der Fassung. Sie greift nach ihrem Drink vor sich auf dem Tischchen und stochert mit dem Strohhalm in den Eiswürfeln herum.
„Liebe, Marianne. Weißt du, was das ist? Liebe! Wenn du jemanden richtig liebst, dann willst du mit dieser Person zusammen sein. Und zwar nur mit dieser.“
„Liebe, Monika, so wie du sie in Filmen und Büchern vorfindest, gibt es nicht“, kontert Frau Bös energisch, „Liebe ist eine chemische Reaktion in unseren Gehirnen. Man fühlt sich zu Personen hingezogen, weil diese gerade zu einem passen, sei es nun sexuell oder spirituell oder was auch immer. Und dann verbringt man eine gewisse Zeit zusammen, geniesst sie, und irgendwann passt es halt nicht mehr. Dann gibt es wieder neue chemische Reaktionen bei neuen Begegnungen.“
Frau Bitter stellt ihr Glas zurück auf das Tischchen und schaut ihre Freundin eindringlich an:
„Ich glaube nicht, dass man Liebe so rational erklären kann. Sonst würde nicht so viel darüber geschrieben, gesungen und philosophiert.“
„Es wird auch ziemlich viel über Krieg gesungen und philosophiert.  Und der lässt sich ziemlich gut rational erklären, finde ich. Gut, Liebe und Krieg, das ist ja irgendwie auch dasselbe. Deine Beziehung jedenfalls ähnelt in meinen Augen einem Schlachtfeld!“ Frau Bös will lachen über ihren Scherz, verschluckt sich dabei aber an ihrem Cosmopolitan. Sie presst sich eine Serviette auf die Lippen. Frau Bitter verschränkt beleidigt die Arme.
„Haha, sehr witzig! Du bist doch bloss neidisch, weil du niemanden hast, der für dich da ist!“
Frau Bös’ Hustenanfall wird immer schlimmer, so dass die versammelte Zürcher Szene in der Bar neugierig zu den beiden Frauen blickt. Frau Bös windet sich auf dem Sofa, Schweissperlen bilden sich auf ihrer Stirn. Sie hält sich noch immer die Serviette vor den Mund, mit der anderen Hand öffnet sie die Knöpfe ihrer Bluse, in der Hoffnung, sei bekäme dann besser Luft. Schliesslich erbarmt sich Frau Bitter und will ihrer Freundin den Rücken klopfen. Frau Bös wehrt sich mit Händen und Füssen dagegen und schüttelt dabei so heftig den Kopf, dass ihr dunkler Pony von links nach rechts fliegt. Die Blicke der anderen Gäste werden immer besorgter. Doch dann schwappt das Prusten und Keuchen endlich in ein schallendes Gelächter über, und der Raum entspannt sich spürbar. Frau Bös wirft sich flach auf das Sofa und zappelt mit ihren Beinen in der Luft. Dabei trifft sie mit einem ihrer High Heels ihren Cosmopolitan auf dem Tischchen, und das Glas zersplittert mit einem lauten Knall.
Frau Bitter packt sich eine Serviette und tupft die rote Flüssigkeit vom Boden auf. Dabei flucht sie lautlos (sie will nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen).
Frau Bös erholt sich langsam, setzt sich auf und wischt sich mit einem Taschentuch die schwarzen Makeup-Spuren unter den Augen weg, die ihr die Freudentränen beschert haben. Sie wird immer noch ab und zu von einem Lacher geschüttelt.
„Ich soll neidisch auf dich sein, Monika, ICH? Entschuldige, du erzählst mir jede Woche, was dich an deinem Freund so nervt und wie ihr euch dauernd wieder finden und arrangieren müsst. Ihr haltet eure Zweisamkeit künstlich aufrecht, nur, weil ihr Angst habt, allein zu sein. Ihr teilt euch schon so viel, dass eine Trennung echt Umstände machen würde. Und es würde saumässig weh tun.“
Der Kellner kommt mit einem Besen und einem Abfalleimer, um die Scherben auf dem Boden unschädlich zu machen. Frau Bös bestellt sich bei dieser Gelegenheit noch einen Cosmo und fährt dann fort: „Ich aber teile mit den Männern nur so lange so viel, wie wir beide ertragen können. So bald es nicht mehr klappt, können sich unsere Wege in aller Freundschaft trennen. Niemand schuldet dem anderen etwas. Wir hatten eine schöne Zeit, fertig.“ Frau Bös macht eine finale Geste mit beiden Händen und wendet sich dann ab. Ihr Blick fällt auf ein Pärchen an der Bar. Er streicht ihr liebevoll das Haar aus der Stirn. Sie hält selig lächelnd seine Hand. Und Frau Bös wehrt sich gegen das warme Gefühl in der Herzgegend, das plötzlich in ihr aufsteigt.
Frau Bitter blickt sie schweigend von der Seite an. ‚Jaja’, denkt sie sich, ‚und irgendwann bist du alt und bereust, dass du jetzt einsam sterben musst. Dass niemand für dich da ist in schlechten Zeiten.’ Aber dann fragt sie sich verbittert, wieso sie eigentlich nie so gelöst und herzhaft lachen kann wie ihre Freundin. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen