Frau Bös sitzt in ihrem Lieblingscafé in
der Stadt Zürich. Mittlerer Preis, immer gut besucht, bester Latte Macchiato.
Sie wartet auf ihre Freundin. Frau Bitter hat Verspätung. Endlich kommt sie,
ziemlich gestresst, in Jogginghose, ungeschminkt, das feuchte Haar hochgesteckt
und eine riesige Adidas-Tasche über die Schulter gehängt. Frau Bös mustert sie
ungläubig, als sie sich zu ihr und ihrem Stück Kirschtorte an den Tisch setzt.
„Sag bloss, du treibst jetzt Sport!“
„Entschuldige, ja? Ich habe schon immer
Sport getrieben“, lügt Frau Bitter, während sie den Kellner mit einem nervösen
Winken auf sich aufmerksam macht. „Ich muss mich regelmässig auspowern, das
entspannt.“ Sie rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und winkt dem
Kellner zum siebten Mal, obwohl er sie längst gesehen hat. Ihre Freundin macht
ein abschätziges Geräusch durch die Nase. „Ja, ich seh’s. Du wirkst wirklich
saumässig entspannt. Du kannst ja keine Sekunde lang still sitzen. Was hast du
denn gemacht? Dir auf dem Laufband einen elektrischen Schlag geholt?“ Frau Bös’
fieser Lacher lässt einige Köpfe im Café herumschnellen. Frau Bitter verzieht
keine Miene. „Du hast echt keine Ahnung, Marianne. Fitnesscenter sind out. Ich
mach Zumba.“
„Was?“
„Zumba.“
„Was ist denn das? Ein zentralafrikanisches
Nationalgericht?“
Frau Bitter verdreht theatralisch die
Augen. „Das ist eine Mischung aus Aerobic und lateinamerikanischen Tänzen. Ein
ganzheitliches Workout, das alle Muskeln des Körpers gleichermassen beansprucht
und erst noch das Gehirn trainiert. Schliesslich musst du dir Choreographien
merken. Und die Musik ist cool, deshalb bin ich immer noch voll in Fahrt“, Frau
Bitter verschränkt die Arme über dem Kopf und wackelt mit den Schultern. Sie
sieht ein bisschen aus wie eine indische Tempeltänzerin – eine schlechte. Der
Kellner kommt, und sie bestellt sich ein stilles Mineralwasser - Kohlensäure
sei Gift für den Stoffwechsel, habe ihr der Zumba-Instruktor erklärt.
„Und ich sage dir“, fährt Frau Bitter lächelnd
fort, „der ist im Fall so was von rattenscharf! Julio, ein leckerer Kolumbianer
mit dunklem Teint und einem Sixpack, so was hast du noch nie gesehen! Und der
kann sich vielleicht bewegen, der hat Hüften aus Gummi“, sie pfeift anerkennend
und schüttelt die Hand, als hätte sie sich verbrannt.
Frau Bös gibt sich unbeeindruckt. „Soso,
CCCCHHulio. Und du bist sicher, dass du wegen DIR in dieses Schwumba-Bumba
gehst und nicht wegen IHM?“.
„Ich gehe, weil ich gesund und fit bleiben
will“, Frau Bitters missbilligender Blick fällt auf das letzte Stück
Kirschtorte vor ihrer Freundin, „und schlank.“
Frau Bös tut so, als hätte sie den
unterschwelligen Vorwurf nicht gehört und spiesst das mit rosa Buttercrème
überzogene Biscuit mit ihrer Gabel auf.
„Komm doch mal mit!“ Frau Bitters Stimme
überschlägt sich fast vor Euphorie. „Es würde dir gefallen! Pro Stunde kannst
du locker 1000 Kalorien verbrennen – sagen sie jedenfalls in der Werbung.“
Frau Bös kaut extra lange und wischt sich
dann den Mund mit der Serviette. „Monika, ich ziehe englische Intellektuelle
kolumbianischen Muskelpaketen vor. Und deshalb halte ich mich an Churchill
selig: Sport ist Mord“, sie steht auf und streift sich ihre Jacke über. „So, und
jetzt muss ich leider gehen. Ich hab noch einen Termin – auf meinem Sofa vor
dem Fernseher. Tschüssi!“ Sie gibt ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange.
„Tschüss, Marianne!“ Frau Bitter kuckt ihr
nach und wartet, bis sie das Café verlassen hat. Dann bestellt sie beim Kellner
ein Stück Kirschtorte.
Und Frau Bös geht tatsächlich nach Hause. Aber nicht vor den Fernseher - vor den
Computer. Sie googlet im Internet „Zumba“ und „Julio“. Sichtlich
angetan von dem, was sie da sieht, bestellt sie sich online Julios Fitness-DVD.
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