Freitag, 8. März 2013

Sozial verträglich 1: Von leckeren Törtchen


Frau Bös sitzt in ihrem Lieblingscafé in der Stadt Zürich. Mittlerer Preis, immer gut besucht, bester Latte Macchiato. Sie wartet auf ihre Freundin. Frau Bitter hat Verspätung. Endlich kommt sie, ziemlich gestresst, in Jogginghose, ungeschminkt, das feuchte Haar hochgesteckt und eine riesige Adidas-Tasche über die Schulter gehängt. Frau Bös mustert sie ungläubig, als sie sich zu ihr und ihrem Stück Kirschtorte an den Tisch setzt.
„Sag bloss, du treibst jetzt Sport!“
„Entschuldige, ja? Ich habe schon immer Sport getrieben“, lügt Frau Bitter, während sie den Kellner mit einem nervösen Winken auf sich aufmerksam macht. „Ich muss mich regelmässig auspowern, das entspannt.“ Sie rutscht unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und winkt dem Kellner zum siebten Mal, obwohl er sie längst gesehen hat. Ihre Freundin macht ein abschätziges Geräusch durch die Nase. „Ja, ich seh’s. Du wirkst wirklich saumässig entspannt. Du kannst ja keine Sekunde lang still sitzen. Was hast du denn gemacht? Dir auf dem Laufband einen elektrischen Schlag geholt?“ Frau Bös’ fieser Lacher lässt einige Köpfe im Café herumschnellen. Frau Bitter verzieht keine Miene. „Du hast echt keine Ahnung, Marianne. Fitnesscenter sind out. Ich mach Zumba.“
„Was?“
„Zumba.“
„Was ist denn das? Ein zentralafrikanisches Nationalgericht?“
Frau Bitter verdreht theatralisch die Augen. „Das ist eine Mischung aus Aerobic und lateinamerikanischen Tänzen. Ein ganzheitliches Workout, das alle Muskeln des Körpers gleichermassen beansprucht und erst noch das Gehirn trainiert. Schliesslich musst du dir Choreographien merken. Und die Musik ist cool, deshalb bin ich immer noch voll in Fahrt“, Frau Bitter verschränkt die Arme über dem Kopf und wackelt mit den Schultern. Sie sieht ein bisschen aus wie eine indische Tempeltänzerin – eine schlechte. Der Kellner kommt, und sie bestellt sich ein stilles Mineralwasser - Kohlensäure sei Gift für den Stoffwechsel, habe ihr der Zumba-Instruktor erklärt.
„Und ich sage dir“, fährt Frau Bitter lächelnd fort, „der ist im Fall so was von rattenscharf! Julio, ein leckerer Kolumbianer mit dunklem Teint und einem Sixpack, so was hast du noch nie gesehen! Und der kann sich vielleicht bewegen, der hat Hüften aus Gummi“, sie pfeift anerkennend und schüttelt die Hand, als hätte sie sich verbrannt.
Frau Bös gibt sich unbeeindruckt. „Soso, CCCCHHulio. Und du bist sicher, dass du wegen DIR in dieses Schwumba-Bumba gehst und nicht wegen IHM?“.
„Ich gehe, weil ich gesund und fit bleiben will“, Frau Bitters missbilligender Blick fällt auf das letzte Stück Kirschtorte vor ihrer Freundin, „und schlank.“
Frau Bös tut so, als hätte sie den unterschwelligen Vorwurf nicht gehört und spiesst das mit rosa Buttercrème überzogene Biscuit mit ihrer Gabel auf.
„Komm doch mal mit!“ Frau Bitters Stimme überschlägt sich fast vor Euphorie. „Es würde dir gefallen! Pro Stunde kannst du locker 1000 Kalorien verbrennen – sagen sie jedenfalls in der Werbung.“
Frau Bös kaut extra lange und wischt sich dann den Mund mit der Serviette. „Monika, ich ziehe englische Intellektuelle kolumbianischen Muskelpaketen vor. Und deshalb halte ich mich an Churchill selig: Sport ist Mord“, sie steht auf und streift sich ihre Jacke über. „So, und jetzt muss ich leider gehen. Ich hab noch einen Termin – auf meinem Sofa vor dem Fernseher. Tschüssi!“ Sie gibt ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange.
„Tschüss, Marianne!“ Frau Bitter kuckt ihr nach und wartet, bis sie das Café verlassen hat. Dann bestellt sie beim Kellner ein Stück Kirschtorte.
Und Frau Bös geht tatsächlich nach Hause.  Aber nicht vor den Fernseher - vor den Computer. Sie googlet im Internet „Zumba“ und „Julio“.  Sichtlich angetan von dem, was sie da sieht, bestellt sie sich online Julios Fitness-DVD.

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