Sonntag, 21. Juli 2013

Sozial verträglich 5: Sommerlaune


Frau Bitter und Frau Bös liegen in ihrer Lieblingsbadi in der Stadt Zürich. Viel nackte Haut, überfüllte Liegen, viel zu teures Restaurant. Die beiden Freundinnen haben sich einen winzigen Platz für ihre Badetücher auf der Wiese ergattert. Jetzt strecken sie sich dicht aneinandergequetscht der Sonne entgegen.
Frau Bös ist – oh Wunder - schlecht gelaunt: „Wieso muss eigentlich ganz Zürich immer sofort ans Wasser rennen, sobald auch nur ein Sonnenstrahl am Himmel zu sehen ist?“, sie wirft Frau Bitter über den Rand ihrer dunklen Sonnebrille hinweg einen vorwurfsvollen Blick zu, „und warum musstest auch DU mich ausgerechnet hierherschleppen, wo sowieso ALLE sind?“
Frau Bitter lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und öffnet nicht mal die Augen unter ihrer Pilotenbrille mit Spiegelgläsern. „Was willst du denn sonst machen an einem so schönen Sommertag? Zu Hause sitzen?“
„Ja, auf meinem Sofa wäre jedenfalls mehr Platz als auf dieser gesamten Liegewiese. Und es wäre ruhiger und kühler“, sie setzt sich demonstrativ auf, fächelt sich mit einer Hand Luft zu und schaut sich um. Neben ihr stillt eine junge Mutter im superknappen Gold-Bikini und mit natürlich schon wieder perfekt flachem Bauch ihr neugeborenes Baby. Daneben spielen zwei Teenager Frisbee. Auf der anderen Seite stolziert gerade eine Gruppe Frauen Mitte 20 zum Fluss hinunter – alle in extra grossen Sonnenbrillen und Strohhüten auf dem Kopf. Sie kichern auffallend laut, um auch ja alle männlichen Anwesenden auf sich aufmerksam zu machen. Zwei aufgepumpte Kerle in superknappen Speedos, die nicht mehr so jung sind, wie ihre Muskeln es mögen glauben lassen, crèmen sich gegenseitig mit Babyöl ein, um noch dunkelbrauner zu werden. Hinter ihnen sitzt ein junges Pärchen und teilt sich genüsslich ein Wassereis, während sich eine Gruppe Dreikäsehochs daneben lautstark um einen aufblasbaren Ball zankt. Die Luft flirrt vor Hitze und vor Kindergeschrei und vor mitgebrachten iphone-Boxen und künstlichem Gelächter. Es riecht nach Sonnencrème, Schweiss, Bratwurst und Pommes.
„Dieses Sehen und Gesehenwerden, dieses kollektive Schwitzen“, Frau Bitter pustet sich ihren dunklen Pony aus der Stirn, „ich brauch das nicht.“
Frau Bitter setzt sich ebenfalls auf und knotet sich ihre langen braunen Wellen zu einem Knubbel auf dem Kopf zusammen. „Wir können ja etwas schwimmen gehen.“
„Geht’s noch?!“, Frau Bös‘ spitzer Aufschrei lässt einige andere Badibesucher in ihrer Nähe kurz zusammenzucken. „Du glaubst ja wohl nicht, dass ich hier im Bikini an diesen Tausenden von Möchtegern-Hipstern vorbeidefiliere, nur damit sie die Krampfadern an meinen Beinen zählen und über meinen schlaffen Busen lästern können! Und mich dann in das saukalte Wasser stürze, vor Schock fast einen Herzinfarkt kriege und mich dann völlig aus der Puste wieder an der Treppe raufhangeln muss, während mir das Bikinihöschen an den Knien unten hängt – unter den Augen ALLER! Mach dich allein zum Clown, Monika!“
Die Angesprochene stösst hörbar die Luft aus der Nase (das Geräusch bedeutet so viel wie „Bitte, wie du willst“), steht auf und geht zum Fluss hinunter.
Frau Bös schaut ihr hinterher. Sie beobachtet genau, wie die anderen Sonnenhungrigen auf der Wiese auf ihre Freundin reagieren, die zwischen den zahlreichen Tüchern von Lücke zu Lücke hüpft und dabei manchmal fast das Gleichgewicht verliert. Aber niemand kuckt, niemand scheint irgendeine Bemerkung über Frau Bitter zu machen.

Frau Bös ist verwundert, aber auch irgendwie beruhigt. Beschwingt von dieser Beobachtung beschliesst sie, jetzt doch auch ein Bad im Fluss zu wagen. Sie steht auf und will galant auf einem Bein in die nächste Lücke auf der Wiese hüpfen. Sie trifft sie aber nicht, ihr rechter Fuss landet auf der Tube Sonnencrème einer Frau mittleren Alters, und es ertönt ein furzendes Geräusch, als sich die Tube unter dem Gewicht von Frau Bös auf das geblümte Sommerkleid entleert, das die Frau auf der Wiese neben der Tube ausgebreitet hatte. Die Crème ist so rutschig, dass sich Frau Bös nicht mehr aufrecht halten kann, ausrutscht und mit dem Hintern auf dem Rücken eines jungen Mannes landet, der laut telefonierend bäuchlings auf seinem Strandtuch liegt. Sie will sich mit der linken Hand auf dem Boden aufstützen, um nicht noch tiefer zu fallen, aber ihre Faust landet geradewegs im Becher Bier vom Kiosk, das sich der Mann mit dem Telefon gerade eben geholt hatte. Jetzt kucken Dutzende Augenpaare zu Frau Bös, die mit Sonnencrème an den Beinen und Bier am Arm immer noch auf dem Rücken des Mannes sitzt. Und sie hört das Fluchen unter ihr, und das über ihr von der Frau mit dem roten Kleid, und dann das Gelächter um sie herum und das Getuschel.
Und es hätte ihr in diesem Moment besser gefallen, wenn ihre Krampfadern oder Brüste der Grund dafür gewesen wären.

Sonntag, 7. Juli 2013

Alter Ego 4: Too old to rock


Frau Bitter und Frau Bös stehen an ihrem Lieblings-Openair vor der Hauptbühne. Hippe Bands, viel zu teures Bier, schlechtes Wetter. Die beiden Freundinnen werden von der unkoordiniert herumspringenden Masse um sie herum hin und hergeworfen. Der Schlamm auf dem Boden, der mal eine grüne Wiese war, spritzt ihnen weit über die Gummistiefel bis hinauf an die Regenjacken. Die Frauen fallen fast ein bisschen auf in der riesigen Menschenmenge, denn fast als einzige haben sie sich keinen der transparenten Gratis-Plastik-Pellerinen übergestülpt, die am Eingang kostenlos abgegeben worden waren (die modebewusste Frau Bitter hatte das Geschenk mit ‚Ich will doch nicht aussehen wie ein Znüni-Beutel‘ zurückgewiesen, Frau Bös hatte sich eher am peinlichen Logo auf dem Rücken gestört, dem Schriftzug eines Schweizer Grossverteilers, dem Festival-Sponsor). 
Als ein junges Mädchen in viel zu knappen Hotpants Frau Bitter ihr Bier über den Arm schüttet, verdreht diese die Augen.
„Ich weiss eigentlich gar nicht, wieso ich mir das noch jedes Jahr antue“, schreit sie ihrer Freundin unter ihrer Kapuze hervor ins Ohr, um den Lärm des Konzerts zu übertönen. „Das könnten hier ja langsam alles meine Kinder sein, und sie benehmen sich auch so! Ich fühle mich echt alt und...“, Frau Bitter wird mitten im Satz unterbrochen, weil sie ein betrunkener Teenager mit Rasta-Frisur und Rucksack in seinem wilden Tanz anrempelt und beinahe umreisst. Frau Bös kann sie gerade noch davor retten, Kopf voran in die braune Brühe unter ihren Füssen zu stürzen.
„Und dann noch dieses scheiss Wetter!“, schreit Frau Bitter weiter, als sie wieder sicher auf beiden Beinen steht und dem Rempler einen empörten Stoss in die Rippen versetzt hat - was dieser in seiner Verzückung aber gar nicht bemerkt.
Frau Bös tippt sich an die Stirn. „Du hast sie doch nicht mehr alle, Monika! Seit wann hat gute Musik denn was mit dem Alter zu tun?“ Sie muss sich auf die Zehenspitzen stellen, während sie Frau Bitter anschreit, denn diese ist einen Kopf grösser als sie.
„Seit man nasse Haare, zerlaufene Schminke und Schlamm bis über die Knie cool finden muss – und das tat ich das letzte Mal mit 17!“
Frau Bös kneift angestrengt die Augenbrauen zusammen (normalerweise hätte sie sich in einem solchen Moment den Pony aus dem Gesicht gepustet – aber das funktioniert gerade nicht, denn er klebt ihr trotz Kapuze nass und schwer an der Stirn). „Es kommt ja wohl überhaupt nicht in Frage, dass wir diesen Babys hier den Platz überlassen! Die haben doch überhaupt keine Ahnung! Ich habe mir diese Band da schon angehört, da haben die sich noch in die Windeln gemacht!“
„Ich weiss nicht“, schreit Frau Bitter zurück, „ich glaube, diese Jungs auf der Bühne sind zehn Jahre jünger als wir.“
Frau Bös wirft einen Blick auf einen der grossen Bildschirme links und rechts der Menschenmenge. Denn die Video-Bilder der Musiker kann sie noch einigermassen erkennen, die echten sind viel zu weit weg.
„Ach, Quatsch!“, kommt Frau Bös zum Schluss, formt die Worte aber nur lautlos mit den Lippen und schüttelt demonstrativ den Kopf, damit sie nicht schon wieder schreien muss (sie ist nämlich schon ziemlich heiser). Dann streckt sie den Daumen in die Luft und grinst breit, um Frau Bitter zu zeigen, dass sie die Musik super findet. Frau Bitter antwortet ebenfalls mit ihrem Daumen und lächelt etwas gequält unter ihrer tropfenden Kapuze.
Die beiden Frauen wippen einige Minuten lang im Takt aus den Lautsprechern,  dann reckt sich Frau Bös wieder zu ihrer Freundin empor und brüllt: „Und weisst du, was auch geil ist? WIR müssen heute Nacht nicht in einem kalten, scheiss unbequemen Zelt pennen!!“
Diesmal streckt sie beide Daumen in die Luft bricht in ihr lautes, heiseres Lachen aus, das ausnahmsweise mal in der Masse untergeht. Der Gedanke an alkoholisierte Teenies in ihren dreckigen Kleidern in muffigen Schlafsäcken wirkt bei ihr wie eine Droge. Die Arme in die Luft gestreckt beginnt sie, mit dem Rest der Festival-Besucher auf und ab zu hüpfen und das Lied lautstark mitzukrächzen. Dabei stört es sie auch nicht, dass ihr die Kapuze vom Kopf rutscht und der Regen ungehemmt auf den Kopf prasselt. So sehr freut sie sich schon auf die warme Dusche, das kuschlige Bett und die Toilette mit Spülung, die sie im Hotel gleich um die Ecke erwarten. Denn die Freundinnen sind sich nicht oft einig, aber in einem schon: mit Mitte 30 campt man nicht mehr.
Die jugendlichen Rocker um sie herum sehen Frau Bös‘ hemmungslose Extase als Aufforderung, sie in ihren Pogo-Kreis mitaufzunehmen. Sie wehrt sich nicht dagegen, sondern lässt sich bereitwillig von der dichten Masse wie eine Nussschale auf den Wellen auf- und abreissen. Triumphierend denkt sie: ‚Too old to rock? My ass!’

Eine halbe Stunde später: Frau Bös sitzt im Sanitätszelt auf einer Pritsche, das Gesicht schmerzverzerrt, während ihr ein junger Sanitäter im weissroten Kittel den Knöchel verbindet und Frau Bitter ihr mit besorgtem Blick die Hand hält.
Und sie ist sich sicher: das war ihr letztes verdammtes Openair!

Montag, 1. Juli 2013

Politisch korrekt 5: Lonely Planet


Frau Bös und Frau Bitter sitzen in ihrem Lieblingspark in der Stadt Zürich. Es ist eine sternenklare Nacht, irgendwann in den sehr frühen Morgenstunden eines Sonntags, nach einem langen Barhopping. Die beiden Frauen fläzen sich halb liegend auf einem Bänkli und teilen sich eine Zigarette (Rauchen ist ein Hobby, das sich die Mittdreissigerinnen längst nur noch am Wochenende gönnen). Der Alkohol pocht noch in ihren Schläfen, die Glieder sind schwer, die Zungen auch. Völlig erschöpft schauen sie hinauf zur tiefschwarzen Kuppel, die mit vielen kleinen Brillianten überzogen ist.
„Glaubst du, dass da draussen noch etwas ist ausser uns?“ Frau Bitters Stimme klingt irgendwie gequält; das Sprechen ist ihr auch schon leichter gefallen. Frau Bös verdreht die Augen und versucht sich aufzusetzen. Bei der ersten Bewegung versetzt es ihr aber einen solchen Stich ins Gehirn, dass sie sich sofort wieder gegen die Lehne des Bänklis fallen lässt.
„Gott, Monika“, Frau Bös reibt sich die schmerzende Stirn unter ihrem Pony, „jetzt fang bloss nicht damit an! ‚Gibt es noch etwas Grösseres als uns? Werden wir eines Tages von Ufos gerettet? Was ist der Sinn des Lebens?‘“. Ihre Stimme geht bei den Fragen mindestens eine Oktave in die Höhe. Aber Frau Bitter gibt noch nicht auf.
„Nein, im Ernst! Ich bin überzeugt, dass irgendwo da draussen“, sie fuchtelt mühsam mit dem rechten Arm in der Luft herum, so dass die glühende Asche der Zigarette in ihren Fingern nach allen Seiten sprüht, „iiiiirrrggendwoooooooo da draussen Wesen sind, die viiiiiieeeeelll weiter entwickelt sind als wir! Und die beobachten uns schon die ganze Zeit und lachen sich kaputt, weil wir noch so total hinterherhinken mit unseren Autos, unseren Atomkraftwerken und unseren Maschinengewehren.“ Sie nimmt einen tiefen Zug und pustet den Rauch hinauf zu den Sternen.
Frau Bös schnaubt verächtlich durch ihre Nüstern und wischt sich stoisch ein bisschen Asche von der weissen Bluse. „Ja, ganz bestimmt“, sie kuckt ihre Freundin unter ihren müden Lidern an, „und sie sind grün und haben Antennen auf dem Kopf. Und ganz groooooossssseeeeeeee, schwarze Augen. Und Roboter. Und Laserkanonen. Und riesige Raumschiffe mit ganzen Städten an Bord.“
„Nee, brauchen sie nicht. Die können sich doch überall hinBEAMEN, wo sie wollen.“
„Ach so. Klar.“ Frau Bös nimmt Frau Bitter die Zigarette aus der Hand und steckt sie sich zwischen die Lippen. „Und wieso können diese Ausserirdischen nicht einfach primitiver sein als wir? Wieso stellen wir die uns immer so total futuristisch vor?“
Frau Bitters gerötete Augen blicken vorwurfsvoll zu ihrer Freundin. „Ich finde das total überheblich, dass wir Menschen immer denken, wir seien das Mass aller Dinge.“
Frau Bös bleibt ihr lakonisches, heiseres Lachen in der Kehle stecken und geht in einen wüsten Hustenanfall über. Sie beugt sich vornüber und spuckt aus, was aus den Tiefen ihrer Lungen nach draussen will. In der Zwischenzeit ist die Zigarette in ihrer Hand bis zum Filter heruntergebrannt. Frau Bös bekommt das schmerzhaft zu spüren, und mit einem spitzen Schrei schleudert sie den Stummel in die Wiese vor sich hinaus. „Scheisse!!“ Sie lutscht an ihren schwarzen Fingern, ihre Geduld ist nun am Ende. „Jetzt hör doch endlich auf! Da draussen ist nix, sonst hätten wir es schon längst mal gesehen! Lass uns endlich gehen!“ Die beiden Frauen torkeln nach Hause.

In ihrer Wohnung angekommen kann Frau Bös nicht schlafen. Ihr Kopf ist eine Baustelle, so sehr hämmert und sägt es darin. Sie nimmt ein Aspirin aus dem Badezimmerschränkchen und einen Eisbeutel aus dem Tiefkühlfach und setzt sich damit vor den Fernseher. Missmutig zappt sie durch die Programme, während sie den Beutel auf ihrem Kopf balanciert.
Bilder von verzweifelten, syrischen Flüchtlingen.
Eine Werbung für Patenschaften in Afrika, mit einem dickbäuchigen Säugling, ganz mit Fliegen übersät.
Eine Tabelle mit den aktuellsten Börsendaten, die Pfeile zeigen allesamt in den Keller.
Eine Reality-TV-Show, in der eine Wasserstoffblondine mit getuntem Körper im ultrakleinen kleinen Schwarzen erklärt, sie wisse nicht, von wem sie schwanger sei.
Frau Bös schaltet den Fernseher aus und schliesst genervt die Augen, den Eisbeutel auf den Scheitel gepresst. Als sie die Lider wieder öffnet, fällt ihr Blick auf die Deckenlampe mit dem breiten Schirm, die wie ein kleines Ufo über dem Salontisch baumelt.
Wie war das nochmal? Hoch entwickelte Ausserirdische mit Laserkanonen?
‚Gott, hoffentlich schiessen die eines Tages die Erde weg!‘, denkt sie und sinkt, von diesem Gedanken seltsam getröstet, in einen tiefen, traumlosen Schlaf.