Frau
Bitter und Frau Bös liegen in ihrer Lieblingsbadi in der Stadt Zürich. Viel
nackte Haut, überfüllte Liegen, viel zu teures Restaurant. Die beiden
Freundinnen haben sich einen winzigen Platz für ihre Badetücher auf der Wiese
ergattert. Jetzt strecken sie sich dicht aneinandergequetscht der Sonne
entgegen.
Frau
Bös ist – oh Wunder - schlecht gelaunt: „Wieso muss eigentlich ganz Zürich
immer sofort ans Wasser rennen, sobald auch nur ein Sonnenstrahl am Himmel zu
sehen ist?“, sie wirft Frau Bitter über den Rand ihrer dunklen Sonnebrille hinweg
einen vorwurfsvollen Blick zu, „und warum musstest auch DU mich ausgerechnet
hierherschleppen, wo sowieso ALLE sind?“
Frau
Bitter lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und öffnet nicht mal die Augen
unter ihrer Pilotenbrille mit Spiegelgläsern. „Was willst du denn sonst machen
an einem so schönen Sommertag? Zu Hause sitzen?“
„Ja,
auf meinem Sofa wäre jedenfalls mehr Platz als auf dieser gesamten Liegewiese.
Und es wäre ruhiger und kühler“, sie setzt sich demonstrativ auf, fächelt sich
mit einer Hand Luft zu und schaut sich um. Neben ihr stillt eine junge Mutter
im superknappen Gold-Bikini und mit natürlich schon wieder perfekt flachem
Bauch ihr neugeborenes Baby. Daneben spielen zwei Teenager Frisbee. Auf der
anderen Seite stolziert gerade eine Gruppe Frauen Mitte 20 zum Fluss hinunter –
alle in extra grossen Sonnenbrillen und Strohhüten auf dem Kopf. Sie kichern auffallend
laut, um auch ja alle männlichen Anwesenden auf sich aufmerksam zu machen. Zwei
aufgepumpte Kerle in superknappen Speedos, die nicht mehr so jung sind, wie
ihre Muskeln es mögen glauben lassen, crèmen sich gegenseitig mit Babyöl ein,
um noch dunkelbrauner zu werden. Hinter ihnen sitzt ein junges Pärchen und
teilt sich genüsslich ein Wassereis, während sich eine Gruppe Dreikäsehochs
daneben lautstark um einen aufblasbaren Ball zankt. Die Luft flirrt vor Hitze
und vor Kindergeschrei und vor mitgebrachten iphone-Boxen und künstlichem
Gelächter. Es riecht nach Sonnencrème, Schweiss, Bratwurst und Pommes.
„Dieses
Sehen und Gesehenwerden, dieses kollektive Schwitzen“, Frau Bitter pustet sich
ihren dunklen Pony aus der Stirn, „ich brauch das nicht.“
Frau
Bitter setzt sich ebenfalls auf und knotet sich ihre langen braunen Wellen zu
einem Knubbel auf dem Kopf zusammen. „Wir können ja etwas schwimmen gehen.“
„Geht’s
noch?!“, Frau Bös‘ spitzer Aufschrei lässt einige andere Badibesucher in ihrer
Nähe kurz zusammenzucken. „Du glaubst ja wohl nicht, dass ich hier im Bikini an
diesen Tausenden von Möchtegern-Hipstern vorbeidefiliere, nur damit sie die
Krampfadern an meinen Beinen zählen und über meinen schlaffen Busen lästern
können! Und mich dann in das saukalte Wasser stürze, vor Schock fast einen
Herzinfarkt kriege und mich dann völlig aus der Puste wieder an der Treppe
raufhangeln muss, während mir das Bikinihöschen an den Knien unten hängt –
unter den Augen ALLER! Mach dich allein zum Clown, Monika!“
Die
Angesprochene stösst hörbar die Luft aus der Nase (das Geräusch bedeutet so
viel wie „Bitte, wie du willst“), steht auf und geht zum Fluss hinunter.
Frau
Bös schaut ihr hinterher. Sie beobachtet genau, wie die anderen Sonnenhungrigen
auf der Wiese auf ihre Freundin reagieren, die zwischen den zahlreichen Tüchern
von Lücke zu Lücke hüpft und dabei manchmal fast das Gleichgewicht verliert.
Aber niemand kuckt, niemand scheint irgendeine Bemerkung über Frau Bitter zu
machen.
Frau
Bös ist verwundert, aber auch irgendwie beruhigt. Beschwingt von dieser
Beobachtung beschliesst sie, jetzt doch auch ein Bad im Fluss zu wagen. Sie
steht auf und will galant auf einem Bein in die nächste Lücke auf der Wiese
hüpfen. Sie trifft sie aber nicht, ihr rechter Fuss landet auf der Tube
Sonnencrème einer Frau mittleren Alters, und es ertönt ein furzendes Geräusch,
als sich die Tube unter dem Gewicht von Frau Bös auf das geblümte Sommerkleid
entleert, das die Frau auf der Wiese neben der Tube ausgebreitet hatte. Die
Crème ist so rutschig, dass sich Frau Bös nicht mehr aufrecht halten kann,
ausrutscht und mit dem Hintern auf dem Rücken eines jungen Mannes landet, der laut
telefonierend bäuchlings auf seinem Strandtuch liegt. Sie will sich mit der
linken Hand auf dem Boden aufstützen, um nicht noch tiefer zu fallen, aber ihre
Faust landet geradewegs im Becher Bier vom Kiosk, das sich der Mann mit dem
Telefon gerade eben geholt hatte. Jetzt kucken Dutzende Augenpaare zu Frau Bös,
die mit Sonnencrème an den Beinen und Bier am Arm immer noch auf dem Rücken des
Mannes sitzt. Und sie hört das Fluchen unter ihr, und das über ihr von der Frau
mit dem roten Kleid, und dann das Gelächter um sie herum und das Getuschel.
Und es
hätte ihr in diesem Moment besser gefallen, wenn ihre Krampfadern oder Brüste der
Grund dafür gewesen wären.