Frau
Bös und Frau Bitter sitzen in ihrem Lieblingspark in der Stadt Zürich. Es ist
eine sternenklare Nacht, irgendwann in den sehr frühen Morgenstunden eines
Sonntags, nach einem langen Barhopping. Die beiden Frauen fläzen sich halb
liegend auf einem Bänkli und teilen sich eine Zigarette (Rauchen ist ein Hobby,
das sich die Mittdreissigerinnen längst nur noch am Wochenende gönnen). Der
Alkohol pocht noch in ihren Schläfen, die Glieder sind schwer, die Zungen auch.
Völlig erschöpft schauen sie hinauf zur tiefschwarzen Kuppel, die mit vielen
kleinen Brillianten überzogen ist.
„Glaubst
du, dass da draussen noch etwas ist ausser uns?“ Frau Bitters Stimme klingt
irgendwie gequält; das Sprechen ist ihr auch schon leichter gefallen. Frau Bös
verdreht die Augen und versucht sich aufzusetzen. Bei der ersten Bewegung
versetzt es ihr aber einen solchen Stich ins Gehirn, dass sie sich sofort
wieder gegen die Lehne des Bänklis fallen lässt.
„Gott,
Monika“, Frau Bös reibt sich die schmerzende Stirn unter ihrem Pony, „jetzt
fang bloss nicht damit an! ‚Gibt es noch
etwas Grösseres als uns? Werden wir eines Tages von Ufos gerettet? Was ist der
Sinn des Lebens?‘“. Ihre Stimme geht bei den Fragen mindestens eine Oktave
in die Höhe. Aber Frau Bitter gibt noch nicht auf.
„Nein,
im Ernst! Ich bin überzeugt, dass irgendwo da draussen“, sie fuchtelt mühsam
mit dem rechten Arm in der Luft herum, so dass die glühende Asche der Zigarette
in ihren Fingern nach allen Seiten sprüht, „iiiiirrrggendwoooooooo da draussen Wesen
sind, die viiiiiieeeeelll weiter entwickelt sind als wir! Und die beobachten
uns schon die ganze Zeit und lachen sich kaputt, weil wir noch so total
hinterherhinken mit unseren Autos, unseren Atomkraftwerken und unseren
Maschinengewehren.“ Sie nimmt einen tiefen Zug und pustet den Rauch hinauf zu
den Sternen.
Frau
Bös schnaubt verächtlich durch ihre Nüstern und wischt sich stoisch ein
bisschen Asche von der weissen Bluse. „Ja, ganz bestimmt“, sie kuckt ihre
Freundin unter ihren müden Lidern an, „und sie sind grün und haben Antennen auf
dem Kopf. Und ganz groooooossssseeeeeeee, schwarze Augen. Und Roboter. Und Laserkanonen.
Und riesige Raumschiffe mit ganzen Städten an Bord.“
„Nee,
brauchen sie nicht. Die können sich doch überall hinBEAMEN, wo sie wollen.“
„Ach
so. Klar.“ Frau Bös nimmt Frau Bitter die Zigarette aus der Hand und steckt sie
sich zwischen die Lippen. „Und wieso können diese Ausserirdischen nicht einfach
primitiver sein als wir? Wieso stellen wir die uns immer so total futuristisch
vor?“
Frau
Bitters gerötete Augen blicken vorwurfsvoll zu ihrer Freundin. „Ich finde das
total überheblich, dass wir Menschen immer denken, wir seien das Mass aller
Dinge.“
Frau
Bös bleibt ihr lakonisches, heiseres Lachen in der Kehle stecken und geht in
einen wüsten Hustenanfall über. Sie beugt sich vornüber und spuckt aus, was aus
den Tiefen ihrer Lungen nach draussen will. In der Zwischenzeit ist die
Zigarette in ihrer Hand bis zum Filter heruntergebrannt. Frau Bös bekommt das
schmerzhaft zu spüren, und mit einem spitzen Schrei schleudert sie den Stummel
in die Wiese vor sich hinaus. „Scheisse!!“ Sie lutscht an ihren schwarzen
Fingern, ihre Geduld ist nun am Ende. „Jetzt hör doch endlich auf! Da draussen
ist nix, sonst hätten wir es schon längst mal gesehen! Lass uns endlich gehen!“
Die beiden Frauen torkeln nach Hause.
In
ihrer Wohnung angekommen kann Frau Bös nicht schlafen. Ihr Kopf ist eine
Baustelle, so sehr hämmert und sägt es darin. Sie nimmt ein Aspirin aus dem
Badezimmerschränkchen und einen Eisbeutel aus dem Tiefkühlfach und setzt sich
damit vor den Fernseher. Missmutig zappt sie durch die Programme, während sie
den Beutel auf ihrem Kopf balanciert.
Bilder
von verzweifelten, syrischen Flüchtlingen.
Eine
Werbung für Patenschaften in Afrika, mit einem dickbäuchigen Säugling, ganz mit
Fliegen übersät.
Eine
Tabelle mit den aktuellsten Börsendaten, die Pfeile zeigen allesamt in den
Keller.
Eine
Reality-TV-Show, in der eine Wasserstoffblondine mit getuntem Körper im
ultrakleinen kleinen Schwarzen erklärt, sie wisse nicht, von wem sie schwanger
sei.
Frau
Bös schaltet den Fernseher aus und schliesst genervt die Augen, den Eisbeutel
auf den Scheitel gepresst. Als sie die Lider wieder öffnet, fällt ihr Blick auf
die Deckenlampe mit dem breiten Schirm, die wie ein kleines Ufo über dem
Salontisch baumelt.
Wie
war das nochmal? Hoch entwickelte Ausserirdische mit Laserkanonen?
‚Gott,
hoffentlich schiessen die eines Tages die Erde weg!‘, denkt sie und sinkt, von
diesem Gedanken seltsam getröstet, in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
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