Montag, 1. Juli 2013

Politisch korrekt 5: Lonely Planet


Frau Bös und Frau Bitter sitzen in ihrem Lieblingspark in der Stadt Zürich. Es ist eine sternenklare Nacht, irgendwann in den sehr frühen Morgenstunden eines Sonntags, nach einem langen Barhopping. Die beiden Frauen fläzen sich halb liegend auf einem Bänkli und teilen sich eine Zigarette (Rauchen ist ein Hobby, das sich die Mittdreissigerinnen längst nur noch am Wochenende gönnen). Der Alkohol pocht noch in ihren Schläfen, die Glieder sind schwer, die Zungen auch. Völlig erschöpft schauen sie hinauf zur tiefschwarzen Kuppel, die mit vielen kleinen Brillianten überzogen ist.
„Glaubst du, dass da draussen noch etwas ist ausser uns?“ Frau Bitters Stimme klingt irgendwie gequält; das Sprechen ist ihr auch schon leichter gefallen. Frau Bös verdreht die Augen und versucht sich aufzusetzen. Bei der ersten Bewegung versetzt es ihr aber einen solchen Stich ins Gehirn, dass sie sich sofort wieder gegen die Lehne des Bänklis fallen lässt.
„Gott, Monika“, Frau Bös reibt sich die schmerzende Stirn unter ihrem Pony, „jetzt fang bloss nicht damit an! ‚Gibt es noch etwas Grösseres als uns? Werden wir eines Tages von Ufos gerettet? Was ist der Sinn des Lebens?‘“. Ihre Stimme geht bei den Fragen mindestens eine Oktave in die Höhe. Aber Frau Bitter gibt noch nicht auf.
„Nein, im Ernst! Ich bin überzeugt, dass irgendwo da draussen“, sie fuchtelt mühsam mit dem rechten Arm in der Luft herum, so dass die glühende Asche der Zigarette in ihren Fingern nach allen Seiten sprüht, „iiiiirrrggendwoooooooo da draussen Wesen sind, die viiiiiieeeeelll weiter entwickelt sind als wir! Und die beobachten uns schon die ganze Zeit und lachen sich kaputt, weil wir noch so total hinterherhinken mit unseren Autos, unseren Atomkraftwerken und unseren Maschinengewehren.“ Sie nimmt einen tiefen Zug und pustet den Rauch hinauf zu den Sternen.
Frau Bös schnaubt verächtlich durch ihre Nüstern und wischt sich stoisch ein bisschen Asche von der weissen Bluse. „Ja, ganz bestimmt“, sie kuckt ihre Freundin unter ihren müden Lidern an, „und sie sind grün und haben Antennen auf dem Kopf. Und ganz groooooossssseeeeeeee, schwarze Augen. Und Roboter. Und Laserkanonen. Und riesige Raumschiffe mit ganzen Städten an Bord.“
„Nee, brauchen sie nicht. Die können sich doch überall hinBEAMEN, wo sie wollen.“
„Ach so. Klar.“ Frau Bös nimmt Frau Bitter die Zigarette aus der Hand und steckt sie sich zwischen die Lippen. „Und wieso können diese Ausserirdischen nicht einfach primitiver sein als wir? Wieso stellen wir die uns immer so total futuristisch vor?“
Frau Bitters gerötete Augen blicken vorwurfsvoll zu ihrer Freundin. „Ich finde das total überheblich, dass wir Menschen immer denken, wir seien das Mass aller Dinge.“
Frau Bös bleibt ihr lakonisches, heiseres Lachen in der Kehle stecken und geht in einen wüsten Hustenanfall über. Sie beugt sich vornüber und spuckt aus, was aus den Tiefen ihrer Lungen nach draussen will. In der Zwischenzeit ist die Zigarette in ihrer Hand bis zum Filter heruntergebrannt. Frau Bös bekommt das schmerzhaft zu spüren, und mit einem spitzen Schrei schleudert sie den Stummel in die Wiese vor sich hinaus. „Scheisse!!“ Sie lutscht an ihren schwarzen Fingern, ihre Geduld ist nun am Ende. „Jetzt hör doch endlich auf! Da draussen ist nix, sonst hätten wir es schon längst mal gesehen! Lass uns endlich gehen!“ Die beiden Frauen torkeln nach Hause.

In ihrer Wohnung angekommen kann Frau Bös nicht schlafen. Ihr Kopf ist eine Baustelle, so sehr hämmert und sägt es darin. Sie nimmt ein Aspirin aus dem Badezimmerschränkchen und einen Eisbeutel aus dem Tiefkühlfach und setzt sich damit vor den Fernseher. Missmutig zappt sie durch die Programme, während sie den Beutel auf ihrem Kopf balanciert.
Bilder von verzweifelten, syrischen Flüchtlingen.
Eine Werbung für Patenschaften in Afrika, mit einem dickbäuchigen Säugling, ganz mit Fliegen übersät.
Eine Tabelle mit den aktuellsten Börsendaten, die Pfeile zeigen allesamt in den Keller.
Eine Reality-TV-Show, in der eine Wasserstoffblondine mit getuntem Körper im ultrakleinen kleinen Schwarzen erklärt, sie wisse nicht, von wem sie schwanger sei.
Frau Bös schaltet den Fernseher aus und schliesst genervt die Augen, den Eisbeutel auf den Scheitel gepresst. Als sie die Lider wieder öffnet, fällt ihr Blick auf die Deckenlampe mit dem breiten Schirm, die wie ein kleines Ufo über dem Salontisch baumelt.
Wie war das nochmal? Hoch entwickelte Ausserirdische mit Laserkanonen?
‚Gott, hoffentlich schiessen die eines Tages die Erde weg!‘, denkt sie und sinkt, von diesem Gedanken seltsam getröstet, in einen tiefen, traumlosen Schlaf.


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