Frau
Bitter und Frau Bös stehen an ihrem Lieblings-Openair vor der Hauptbühne. Hippe
Bands, viel zu teures Bier, schlechtes Wetter. Die beiden Freundinnen werden von
der unkoordiniert herumspringenden Masse um sie herum hin und hergeworfen. Der
Schlamm auf dem Boden, der mal eine grüne Wiese war, spritzt ihnen weit über
die Gummistiefel bis hinauf an die Regenjacken. Die Frauen fallen fast ein
bisschen auf in der riesigen Menschenmenge, denn fast als einzige haben sie
sich keinen der transparenten Gratis-Plastik-Pellerinen übergestülpt, die am
Eingang kostenlos abgegeben worden waren (die modebewusste Frau Bitter hatte
das Geschenk mit ‚Ich will doch nicht aussehen wie ein Znüni-Beutel‘
zurückgewiesen, Frau Bös hatte sich eher am peinlichen Logo auf dem Rücken
gestört, dem Schriftzug eines Schweizer Grossverteilers, dem Festival-Sponsor).
Als
ein junges Mädchen in viel zu knappen Hotpants Frau Bitter ihr Bier über den
Arm schüttet, verdreht diese die Augen.
„Ich
weiss eigentlich gar nicht, wieso ich mir das noch jedes Jahr antue“, schreit sie
ihrer Freundin unter ihrer Kapuze hervor ins Ohr, um den Lärm des Konzerts zu
übertönen. „Das könnten hier ja langsam alles meine Kinder sein, und sie benehmen
sich auch so! Ich fühle mich echt alt und...“, Frau Bitter wird mitten im Satz
unterbrochen, weil sie ein betrunkener Teenager mit Rasta-Frisur und Rucksack in
seinem wilden Tanz anrempelt und beinahe umreisst. Frau Bös kann sie gerade
noch davor retten, Kopf voran in die braune Brühe unter ihren Füssen zu
stürzen.
„Und
dann noch dieses scheiss Wetter!“, schreit Frau Bitter weiter, als sie wieder
sicher auf beiden Beinen steht und dem Rempler einen empörten Stoss in die
Rippen versetzt hat - was dieser in seiner Verzückung aber gar nicht bemerkt.
Frau
Bös tippt sich an die Stirn. „Du hast sie doch nicht mehr alle, Monika! Seit
wann hat gute Musik denn was mit dem Alter zu tun?“ Sie muss sich auf die
Zehenspitzen stellen, während sie Frau Bitter anschreit, denn diese ist einen
Kopf grösser als sie.
„Seit
man nasse Haare, zerlaufene Schminke und Schlamm bis über die Knie cool finden
muss – und das tat ich das letzte Mal mit 17!“
Frau
Bös kneift angestrengt die Augenbrauen zusammen (normalerweise hätte sie sich
in einem solchen Moment den Pony aus dem Gesicht gepustet – aber das
funktioniert gerade nicht, denn er klebt ihr trotz Kapuze nass und schwer an
der Stirn). „Es kommt ja wohl überhaupt nicht in Frage, dass wir diesen Babys
hier den Platz überlassen! Die haben doch überhaupt keine Ahnung! Ich habe mir
diese Band da schon angehört, da haben die sich noch in die Windeln gemacht!“
„Ich
weiss nicht“, schreit Frau Bitter zurück, „ich glaube, diese Jungs auf der
Bühne sind zehn Jahre jünger als wir.“
Frau
Bös wirft einen Blick auf einen der grossen Bildschirme links und rechts der
Menschenmenge. Denn die Video-Bilder der Musiker kann sie noch einigermassen
erkennen, die echten sind viel zu weit weg.
„Ach,
Quatsch!“, kommt Frau Bös zum Schluss, formt die Worte aber nur lautlos mit den
Lippen und schüttelt demonstrativ den Kopf, damit sie nicht schon wieder
schreien muss (sie ist nämlich schon ziemlich heiser). Dann streckt sie den
Daumen in die Luft und grinst breit, um Frau Bitter zu zeigen, dass sie die Musik
super findet. Frau Bitter antwortet ebenfalls mit ihrem Daumen und lächelt etwas
gequält unter ihrer tropfenden Kapuze.
Die
beiden Frauen wippen einige Minuten lang im Takt aus den Lautsprechern, dann reckt sich Frau Bös wieder zu ihrer
Freundin empor und brüllt: „Und weisst du, was auch geil ist? WIR müssen heute
Nacht nicht in einem kalten, scheiss unbequemen Zelt pennen!!“
Diesmal
streckt sie beide Daumen in die Luft bricht in ihr lautes, heiseres Lachen aus,
das ausnahmsweise mal in der Masse untergeht. Der Gedanke an alkoholisierte
Teenies in ihren dreckigen Kleidern in muffigen Schlafsäcken wirkt bei ihr wie
eine Droge. Die Arme in die Luft gestreckt beginnt sie, mit dem Rest der Festival-Besucher
auf und ab zu hüpfen und das Lied lautstark mitzukrächzen. Dabei stört es sie
auch nicht, dass ihr die Kapuze vom Kopf rutscht und der Regen ungehemmt auf
den Kopf prasselt. So sehr freut sie sich schon auf die warme Dusche, das
kuschlige Bett und die Toilette mit Spülung, die sie im Hotel gleich um die
Ecke erwarten. Denn die Freundinnen sind sich nicht oft einig, aber in einem
schon: mit Mitte 30 campt man nicht mehr.
Die
jugendlichen Rocker um sie herum sehen Frau Bös‘ hemmungslose Extase als
Aufforderung, sie in ihren Pogo-Kreis mitaufzunehmen. Sie wehrt sich nicht
dagegen, sondern lässt sich bereitwillig von der dichten Masse wie eine
Nussschale auf den Wellen auf- und abreissen. Triumphierend denkt sie: ‚Too old
to rock? My ass!’
Eine
halbe Stunde später: Frau Bös sitzt im Sanitätszelt auf einer Pritsche, das
Gesicht schmerzverzerrt, während ihr ein junger Sanitäter im weissroten Kittel
den Knöchel verbindet und Frau Bitter ihr mit besorgtem Blick die Hand hält.
Und
sie ist sich sicher: das war ihr letztes verdammtes Openair!
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