Sonntag, 7. Juli 2013

Alter Ego 4: Too old to rock


Frau Bitter und Frau Bös stehen an ihrem Lieblings-Openair vor der Hauptbühne. Hippe Bands, viel zu teures Bier, schlechtes Wetter. Die beiden Freundinnen werden von der unkoordiniert herumspringenden Masse um sie herum hin und hergeworfen. Der Schlamm auf dem Boden, der mal eine grüne Wiese war, spritzt ihnen weit über die Gummistiefel bis hinauf an die Regenjacken. Die Frauen fallen fast ein bisschen auf in der riesigen Menschenmenge, denn fast als einzige haben sie sich keinen der transparenten Gratis-Plastik-Pellerinen übergestülpt, die am Eingang kostenlos abgegeben worden waren (die modebewusste Frau Bitter hatte das Geschenk mit ‚Ich will doch nicht aussehen wie ein Znüni-Beutel‘ zurückgewiesen, Frau Bös hatte sich eher am peinlichen Logo auf dem Rücken gestört, dem Schriftzug eines Schweizer Grossverteilers, dem Festival-Sponsor). 
Als ein junges Mädchen in viel zu knappen Hotpants Frau Bitter ihr Bier über den Arm schüttet, verdreht diese die Augen.
„Ich weiss eigentlich gar nicht, wieso ich mir das noch jedes Jahr antue“, schreit sie ihrer Freundin unter ihrer Kapuze hervor ins Ohr, um den Lärm des Konzerts zu übertönen. „Das könnten hier ja langsam alles meine Kinder sein, und sie benehmen sich auch so! Ich fühle mich echt alt und...“, Frau Bitter wird mitten im Satz unterbrochen, weil sie ein betrunkener Teenager mit Rasta-Frisur und Rucksack in seinem wilden Tanz anrempelt und beinahe umreisst. Frau Bös kann sie gerade noch davor retten, Kopf voran in die braune Brühe unter ihren Füssen zu stürzen.
„Und dann noch dieses scheiss Wetter!“, schreit Frau Bitter weiter, als sie wieder sicher auf beiden Beinen steht und dem Rempler einen empörten Stoss in die Rippen versetzt hat - was dieser in seiner Verzückung aber gar nicht bemerkt.
Frau Bös tippt sich an die Stirn. „Du hast sie doch nicht mehr alle, Monika! Seit wann hat gute Musik denn was mit dem Alter zu tun?“ Sie muss sich auf die Zehenspitzen stellen, während sie Frau Bitter anschreit, denn diese ist einen Kopf grösser als sie.
„Seit man nasse Haare, zerlaufene Schminke und Schlamm bis über die Knie cool finden muss – und das tat ich das letzte Mal mit 17!“
Frau Bös kneift angestrengt die Augenbrauen zusammen (normalerweise hätte sie sich in einem solchen Moment den Pony aus dem Gesicht gepustet – aber das funktioniert gerade nicht, denn er klebt ihr trotz Kapuze nass und schwer an der Stirn). „Es kommt ja wohl überhaupt nicht in Frage, dass wir diesen Babys hier den Platz überlassen! Die haben doch überhaupt keine Ahnung! Ich habe mir diese Band da schon angehört, da haben die sich noch in die Windeln gemacht!“
„Ich weiss nicht“, schreit Frau Bitter zurück, „ich glaube, diese Jungs auf der Bühne sind zehn Jahre jünger als wir.“
Frau Bös wirft einen Blick auf einen der grossen Bildschirme links und rechts der Menschenmenge. Denn die Video-Bilder der Musiker kann sie noch einigermassen erkennen, die echten sind viel zu weit weg.
„Ach, Quatsch!“, kommt Frau Bös zum Schluss, formt die Worte aber nur lautlos mit den Lippen und schüttelt demonstrativ den Kopf, damit sie nicht schon wieder schreien muss (sie ist nämlich schon ziemlich heiser). Dann streckt sie den Daumen in die Luft und grinst breit, um Frau Bitter zu zeigen, dass sie die Musik super findet. Frau Bitter antwortet ebenfalls mit ihrem Daumen und lächelt etwas gequält unter ihrer tropfenden Kapuze.
Die beiden Frauen wippen einige Minuten lang im Takt aus den Lautsprechern,  dann reckt sich Frau Bös wieder zu ihrer Freundin empor und brüllt: „Und weisst du, was auch geil ist? WIR müssen heute Nacht nicht in einem kalten, scheiss unbequemen Zelt pennen!!“
Diesmal streckt sie beide Daumen in die Luft bricht in ihr lautes, heiseres Lachen aus, das ausnahmsweise mal in der Masse untergeht. Der Gedanke an alkoholisierte Teenies in ihren dreckigen Kleidern in muffigen Schlafsäcken wirkt bei ihr wie eine Droge. Die Arme in die Luft gestreckt beginnt sie, mit dem Rest der Festival-Besucher auf und ab zu hüpfen und das Lied lautstark mitzukrächzen. Dabei stört es sie auch nicht, dass ihr die Kapuze vom Kopf rutscht und der Regen ungehemmt auf den Kopf prasselt. So sehr freut sie sich schon auf die warme Dusche, das kuschlige Bett und die Toilette mit Spülung, die sie im Hotel gleich um die Ecke erwarten. Denn die Freundinnen sind sich nicht oft einig, aber in einem schon: mit Mitte 30 campt man nicht mehr.
Die jugendlichen Rocker um sie herum sehen Frau Bös‘ hemmungslose Extase als Aufforderung, sie in ihren Pogo-Kreis mitaufzunehmen. Sie wehrt sich nicht dagegen, sondern lässt sich bereitwillig von der dichten Masse wie eine Nussschale auf den Wellen auf- und abreissen. Triumphierend denkt sie: ‚Too old to rock? My ass!’

Eine halbe Stunde später: Frau Bös sitzt im Sanitätszelt auf einer Pritsche, das Gesicht schmerzverzerrt, während ihr ein junger Sanitäter im weissroten Kittel den Knöchel verbindet und Frau Bitter ihr mit besorgtem Blick die Hand hält.
Und sie ist sich sicher: das war ihr letztes verdammtes Openair!

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