Sonntag, 25. August 2013

Sozial verträglich 6: Andere Töne anschlagen


Frau Bitter und Frau Bös sitzen im Wohnzimmer von Frau Bitters Wohnung in der Stadt Zürich. 2,5 Zimmer, zentrale Lage in einem Multi-Kulti-Quartier, gerade noch bezahlbar. Frau Bös hat sich auf dem Sofa ausgestreckt, die Beine lässig auf dem Couchtisch. Doch sie wirkt alles andere als entspannt, denn Frau Bitter sitzt neben ihr auf einem Stuhl und kratzt auf ihrer Geige. Ihre Augen sind auf das Notenheft vor sich auf einem silbernen Ständer geheftet, man sieht ihren krampfhaft zusammengekniffenen Augen an, dass sie Mühe hat, den wunderlichen Zeichen darauf zu folgen. Frau Bitter hat das Instrument erst seit einigen Wochen, und etwa gleich lang setzt sie sich schon mit Musiknoten auseinander. Tja, und so klingt das Ganze denn auch.
Frau Bös kämpft tapfer gegen den immer stärker werdenden Drang, laut schreiend aus dem Fenster zu springen. Ihrer Freundin zuliebe krallt sie sich im glatten Leder des Sofas fest und zieht mühevoll die Mundwinkel nach oben. Das soll ihr nicht nur dabei helfen, interessiert und amüsiert auszusehen, es soll vor allem ihre Trommelfelle so weit wie möglich zusammenziehen, damit sie durch die kreischenden, schmerzhaften Töne keinen Schaden nehmen. Denn diese durchdringen das gesamte Haus, und so klopft es während der Darbietung auch in regelmässigen Intervallen auf den Fussboden über ihren Köpfen. Frau Bitter lässt sich davon aber nicht irritieren, sie schaut jeweils nur kurz vorwurfsvoll in Richtung Decke und schabt dann noch etwas lauter und falscher über die Saiten.
Nach einer gefühlten halben Stunde (in Realität waren es höchstens 3 Minuten) hat Frau Bitter ihre etwas eigenwillige Interpretation von Brahms’ „Guten Abend, gut’ Nacht“ beendet. Stolz lächelnd hebt sie Geige und Bogen in die Luft und verneigt sich vor Frau Bös. Diese fühlt sich nach dem Wiegenlied des Grauens alles andere als schläfrig, aber wenigstens erleichtert, dass es vorbei ist. Deshalb fällt es ihr auch gar nicht schwer, anerkennend zu klatschen. „Wow, Monika, das war wirklich der Wahnsinn. Im wahrsten Sinne des Wortes“, sie zieht ihre Augenbrauen hoch und zeigt alle ihre Zähne in einem übertriebenen Grinsen, „auch der liebe Herr Müller von oben schickt dir viele Grüsse und lässt fragen, ob du an Weihnachten nicht unter seinem Baum spielen kommen könntest.“
 Frau Bitter streckt ihrer Freundin die Zunge raus, die gute Laune ist ihr vergangen. „Ich weiss, dass es noch nicht so toll klingt. Aber ich bin schliesslich auch noch Anfängerin. Hauptsache, es macht Spass“, sie steht auf und schaut noch einmal zur Decke, „SPASS!!“. Sie wartet ein paar Sekunden, aber es kommt keine Antwort von oben. Dann trägt Frau Bitter die Geige zum kleinen Koffer, den sie neben den Fernseher gelegt hat und der die selbe Form hat wie das Instrument. Sie legt Geige und Bogen mit einer solchen Achtsamkeit und Sorgfalt hinein, als handle es sich um einen neugeborenen Welpen einer ganz seltenen Hunderasse. „Ich wollte schon immer ein Musikinstrument spielen. Jetzt habe ich es endlich in Angriff genommen. Es braucht halt viel Übung.“
„Und warum musstest du dich ausgerechnet für Geige entscheiden?“, Frau Bös wirkt nun sichtlich entspannter und sinkt noch tiefer in Frau Bitters Sofa, „ich meine, Triangel oder Blockflöte wären bestimmt einfacher gewesen. Und erträglicher für deine Nachbarn.“
Frau Bitter ist nach nebenan in ihr Schlafzimmer verschwunden, um den Geigenkasten sicher auf ihrem Kleiderschrank zu verstauen, damit ihm auch ja niemand etwas anhaben kann. „So ein Quatsch“, hört Frau Bös sie rufen, „ich wollte eine richtige Herausforderung. Geige klingt viel hübscher als Flöte.“
Frau Bös lacht heiser auf und fasst sich mit beiden Händen an ihren dunklen Pony. „Ja, allerdings“, gluckst sie, „es ist ein wahrer Genuss, Wellness für die Ohren – nicht wahr, Herr Müller?“, sie richtet die Frage an die Decke über ihr und gluckst lautstark weiter.
Frau Bitter tritt wieder ins Wohnzimmer und baut sich vor dem Sofa auf, die Hände in die Hüften gestützt. „Haha, Marianne. Du und der Arsch von oben habt beide ungefähr gleich viel Ahnung von Musik – nämlich gar keine! Aber es ist mir scheissegal, was ihr von meinem neuen Hobby haltet. Ich jedenfalls werde fleissig weiterspielen und Freude daran haben. Ich finde Geige total sinnlich, ein richtig weibliches Instrument, ja, sexy irgendwie.“
Frau Bös zieht plötzlich die Beine an und macht ein prustendes Geräusch, als hätte sie sich verschluckt. Aber es ist nur ein neuer, noch heftiger Lacher, der sich seinen Weg aus ihrer Kehle ins Freie bahnt. „Oh ja“, sie hält sich den Bauch, als wolle sie damit verhindern, dass er weiterhin so unkontrolliert auf und ab bebt, „eine Mittdreissigerin, die sich total verkrampft ein Stück Holz ans Kinn drückt und  versucht, es mit einer Säge in zwei Teile zu zerlegen – sorry, aber jedenfalls klingt es so -, das sieht wirklich verdammt geil aus!“ Sie wirft ihren Kopf nach hinten auf die Lehne des Sofas und lacht so laut, dass sich Frau Bitter demonstrativ die langen braunen Haare über die Ohren streicht, als könnte sie sich damit taub machen.
Und dann klopft es plötzlich wieder von oben, diesmal heftiger denn je. Frau Bös verstummt auf einen Schlag und blickt zuerst ungläubig an die Decke und dann zu ihrer Freundin. Wäre sie eine Comicfigur, dann würden jetzt Blitze aus ihren Augen schiessen. Es folgt eine Minute des Schweigens.
„Marianne, wolltest du mir nicht noch diese Sonate von Waldi oder irgend so was vorspielen“, durchbricht Frau Bös schliesslich die Stille. 
Frau Bitter nickt. „Vivaldi“, sagt sie und geht ihre Geige holen.