Frau
Bitter und Frau Bös sitzen im Wohnzimmer von Frau Bitters Wohnung in der Stadt
Zürich. 2,5 Zimmer, zentrale Lage in einem Multi-Kulti-Quartier, gerade noch
bezahlbar. Frau Bös hat sich auf dem Sofa ausgestreckt, die Beine lässig auf
dem Couchtisch. Doch sie wirkt alles andere als entspannt, denn Frau Bitter
sitzt neben ihr auf einem Stuhl und kratzt auf ihrer Geige. Ihre Augen sind auf
das Notenheft vor sich auf einem silbernen Ständer geheftet, man sieht ihren krampfhaft
zusammengekniffenen Augen an, dass sie Mühe hat, den wunderlichen Zeichen
darauf zu folgen. Frau Bitter hat das Instrument erst seit einigen Wochen, und
etwa gleich lang setzt sie sich schon mit Musiknoten auseinander. Tja, und so
klingt das Ganze denn auch.
Frau
Bös kämpft tapfer gegen den immer stärker werdenden Drang, laut schreiend aus
dem Fenster zu springen. Ihrer Freundin zuliebe krallt sie sich im glatten
Leder des Sofas fest und zieht mühevoll die Mundwinkel nach oben. Das soll ihr
nicht nur dabei helfen, interessiert und amüsiert auszusehen, es soll vor allem
ihre Trommelfelle so weit wie möglich zusammenziehen, damit sie durch die
kreischenden, schmerzhaften Töne keinen Schaden nehmen. Denn diese durchdringen
das gesamte Haus, und so klopft es während der Darbietung auch in regelmässigen
Intervallen auf den Fussboden über ihren Köpfen. Frau Bitter lässt sich davon
aber nicht irritieren, sie schaut jeweils nur kurz vorwurfsvoll in Richtung
Decke und schabt dann noch etwas lauter und falscher über die Saiten.
Nach
einer gefühlten halben Stunde (in Realität waren es höchstens 3 Minuten) hat
Frau Bitter ihre etwas eigenwillige Interpretation von Brahms’ „Guten Abend, gut’
Nacht“ beendet. Stolz lächelnd hebt sie Geige und Bogen in die Luft und
verneigt sich vor Frau Bös. Diese fühlt sich nach dem Wiegenlied des Grauens alles
andere als schläfrig, aber wenigstens erleichtert, dass es vorbei ist. Deshalb
fällt es ihr auch gar nicht schwer, anerkennend zu klatschen. „Wow, Monika, das
war wirklich der Wahnsinn. Im wahrsten Sinne des Wortes“, sie zieht ihre
Augenbrauen hoch und zeigt alle ihre Zähne in einem übertriebenen Grinsen,
„auch der liebe Herr Müller von oben schickt dir viele Grüsse und lässt fragen,
ob du an Weihnachten nicht unter seinem Baum spielen kommen könntest.“
Frau Bitter streckt ihrer Freundin die Zunge
raus, die gute Laune ist ihr vergangen. „Ich weiss, dass es noch nicht so toll
klingt. Aber ich bin schliesslich auch noch Anfängerin. Hauptsache, es macht
Spass“, sie steht auf und schaut noch einmal zur Decke, „SPASS!!“. Sie wartet
ein paar Sekunden, aber es kommt keine Antwort von oben. Dann trägt Frau Bitter
die Geige zum kleinen Koffer, den sie neben den Fernseher gelegt hat und der
die selbe Form hat wie das Instrument. Sie legt Geige und Bogen mit einer
solchen Achtsamkeit und Sorgfalt hinein, als handle es sich um einen
neugeborenen Welpen einer ganz seltenen Hunderasse. „Ich wollte schon immer ein
Musikinstrument spielen. Jetzt habe ich es endlich in Angriff genommen. Es
braucht halt viel Übung.“
„Und
warum musstest du dich ausgerechnet für Geige entscheiden?“, Frau Bös wirkt nun
sichtlich entspannter und sinkt noch tiefer in Frau Bitters Sofa, „ich meine,
Triangel oder Blockflöte wären bestimmt einfacher gewesen. Und erträglicher für
deine Nachbarn.“
Frau
Bitter ist nach nebenan in ihr Schlafzimmer verschwunden, um den Geigenkasten
sicher auf ihrem Kleiderschrank zu verstauen, damit ihm auch ja niemand etwas
anhaben kann. „So ein Quatsch“, hört Frau Bös sie rufen, „ich wollte eine
richtige Herausforderung. Geige klingt viel hübscher als Flöte.“
Frau
Bös lacht heiser auf und fasst sich mit beiden Händen an ihren dunklen Pony. „Ja,
allerdings“, gluckst sie, „es ist ein wahrer Genuss, Wellness für die Ohren –
nicht wahr, Herr Müller?“, sie richtet die Frage an die Decke über ihr und gluckst
lautstark weiter.
Frau
Bitter tritt wieder ins Wohnzimmer und baut sich vor dem Sofa auf, die Hände in
die Hüften gestützt. „Haha, Marianne. Du und der Arsch von oben habt beide ungefähr
gleich viel Ahnung von Musik – nämlich gar keine! Aber es ist mir scheissegal,
was ihr von meinem neuen Hobby haltet. Ich jedenfalls werde fleissig
weiterspielen und Freude daran haben. Ich finde Geige total sinnlich, ein
richtig weibliches Instrument, ja, sexy irgendwie.“
Frau
Bös zieht plötzlich die Beine an und macht ein prustendes Geräusch, als hätte
sie sich verschluckt. Aber es ist nur ein neuer, noch heftiger Lacher, der sich
seinen Weg aus ihrer Kehle ins Freie bahnt. „Oh ja“, sie hält sich den Bauch,
als wolle sie damit verhindern, dass er weiterhin so unkontrolliert auf und ab
bebt, „eine Mittdreissigerin, die sich total verkrampft ein Stück Holz ans Kinn
drückt und versucht, es mit einer Säge
in zwei Teile zu zerlegen – sorry, aber jedenfalls klingt es so -, das sieht
wirklich verdammt geil aus!“ Sie wirft ihren Kopf nach hinten auf die Lehne des
Sofas und lacht so laut, dass sich Frau Bitter demonstrativ die langen braunen
Haare über die Ohren streicht, als könnte sie sich damit taub machen.
Und
dann klopft es plötzlich wieder von oben, diesmal heftiger denn je. Frau Bös
verstummt auf einen Schlag und blickt zuerst ungläubig an die Decke und dann zu
ihrer Freundin. Wäre sie eine Comicfigur, dann würden jetzt Blitze aus ihren
Augen schiessen. Es folgt eine Minute des Schweigens.
„Marianne,
wolltest du mir nicht noch diese Sonate von Waldi oder irgend so was
vorspielen“, durchbricht Frau Bös schliesslich die Stille.
Frau Bitter nickt. „Vivaldi“, sagt sie und geht ihre Geige holen.
Frau Bitter nickt. „Vivaldi“, sagt sie und geht ihre Geige holen.