Freitag, 31. Mai 2013

Alter Ego 3: Je länger, desto unsichtbarer

    Frau Bös und Frau Bitter sitzen in ihrem Lieblingspark in der Stadt Zürich. Saubere Grünanlage, immer gut besucht, hübsches Café. Die beiden Frauen sitzen je einem Pappbecher Kaffee auf einem Bänkli. Unmittelbar vor ihnen hat sich eine Gruppe Jugendlicher um den Pingpong-Tisch versammelt. Nicht etwa, um einen kleinen, weissen Plastikball hin- und herzuschlagen, sondern um lautstark miteinander zu flirten und zu lachen. Die jungen Frauen und Männer sind höchstens Anfang 20, rauchen lässig ihre Zigaretten und haben ihre hippsten Kleider und Sonnenbrillen angezogen.
Frau Bös bemerkt, wie Frau Bitter neben ihr immer nervöser auf dem Bänkli herumrutscht. Sie verändert alle 30 Sekunden ihre Position, schlägt die Beine in der engen Bluejeans übereinander, um sie gleich danach wieder zu öffnen, legt die Arme mal locker auf die Knie, um sie danach wieder bestimmt auf der Sitzfläche abzustützen oder angestrengt unangestrengt von der Rückenlehne baumeln zu lassen. Dazu legt sie den Kopf abwechselnd auf beide Seiten schief, zurrt den Haargummi fest, lässt die langen, braunen Wellen dann doch lose über ihre Schultern fallen und bändigt sie gleich danach wieder zu einem. Dazu zupft sie in regelmässigen Abständen am Ausschnitt ihres blau gestreiften Sweatshirts herum und schiebt sich die Sonnenbrille abwechselnd auf Stirn und Nase. Und immer mal wieder richtet sich ihr prüfender Blick auf die Jugendlichen vor ihr.
Frau Bös platzt nach einer gefühlten halben Stunde (in Wirklichkeit sind es knapp drei Minuten) der Kragen:
„Monika!! Du machst mich wahnsinnig!!!!! Hör endlich auf, hier so herumzuhampeln, als hättest du Hummeln im Arsch!!!!“
Frau Bitter erstarrt und wirft ihrer Freundin einen erschrockenen Blick zu – dann lässt die Muskelspannung, die sie zum Posieren gebraucht hatte, plötzlich nach, und ihr Körper sackt in sich zusammen.
„Es ist einfach..“, ringt sie mit sich, „es ist nur… ich glaube… ich habe das Gefühl, ich werde langsam unsichtbar! Je älter ich werde, desto weniger sieht man mich!“ Sie nickt mit dem Kinn in Richtung der Gruppe junger Hipsters, welche die beiden Frauen noch mit keinem Blick beachtet hat.
Frau Bös zieht eine Augenbraue hoch. „Wie bitte? Also, ich sehe dich ganz genau – zu genau, um ehrlich zu sein. Du nervst mich nämlich ziemlich mit diesem paranoiden Posing!“
„Nein, du verstehst mich nicht, Marianne. Weisst du, gestern sass ich im Tram neben einer jungen Studentin oder so. Sie war ganz hübsch, aber ich find mich jetzt hübscher. Und dann stieg so eine Gruppe Jungs ein, die waren alle in ihrem Alter, halt so um die 20“, Frau Bitter nickt mit dem Kopf in Richtung der Gruppe am Pingpong-Tisch. „Tja, und das Mädchen fiel ihnen sofort auf, sie warfen ihr bewundernde Blicke zu und tuschelten miteinander und schwirrten um sie herum wie Motten ums Licht. Und ich sass daneben – und nichts. Nichts!“ Sie zieht die Schultern hoch und ihre Stimme klingt gequält, so als könnte sie selbst nicht glauben, was sie da gerade erzählt.
Frau Bös hört regungslos zu und pustet sich ihren dunklen Pony aus den Augen (und das ist ja bekanntlich nie ein gutes Zeichen für ihr Gegenüber).
„Verstehe ich dich also richtig, liebe Monika“, ihr Blick ist verächtlich und sie verzieht keine Miene, „du hättest es also lieber gehabt, wenn diese Horde Möchtegern-Coolios dir auch noch am Rockzipfel gehangen wäre? Dich mit obszönen Gesten gewertschätzt und dich bei Fuss gepfiffen hätte wie einen räudigen Hund? Wenn sie sehr zuvorkommende Kommentare über deinen Vorbau gemacht und dir beim Rausgehen noch an deinen Hinterbau gegrabscht hätte? Das ist es also, was du willst?“ Aus Frau Bös‘ Nase kommt ein verächtliches Schnauben, sie wendet sich ab und nimmt einen Schluck aus ihrem Pappbecher, den sie die ganze Zeit über in der Hand gehalten hat. Frau Bitter hebt ihren Kaffee auch wieder vom Boden auf und rückt etwas näher zu ihrer Freundin.
„Aber fällt dir das denn nicht auch auf? Bis vor Kurzem haben mir die jungen Kerle auf der Strasse noch allesamt hinterhergeglotzt. Aber jetzt nehmen sie mich nicht einmal mehr wahr! Ich bin Mitte 30, ich gehöre zum alten Eisen, wahrscheinlich haben mich die Typen im Tram für die Oma des Mädchens gehalten! Ich bin offiziell ein Auslaufmodell, das keiner mehr will. Das keiner mehr SIEHT! Ich bin UNSICHTBAR!“
Bei den letzten Worte rüttelt sie an Frau Bös‘ Arm und seufzt dann weinerlich. Frau Bös nimmt scheinbar ungerührt den letzten Schluck Kaffee und blickt gedankenverloren zu Boden.
Dann springt sie plötzlich mit einem Satz auf, der leere Pappbecher fliegt über das Bänkli hinter den beiden Frauen in die Wiese, und ihr kurzer, spitzer Schrei lässt den gesamten Park verstummen. Alle Augenpaare im Umkreis von 100 Metern haften nun auf den Freundinnen. Die Stille ist fast schon unheimlich.
Frau Bös bricht schliesslich das Schweigen, geht um das Bänkli herum, klaubt den zerbeulten Kaffeebecher aus dem Gras und schmeisst ihn in den Mülleimer daneben.
„So“, wendet sie sich an Frau Bitter, „jetzt sehen sie dich wieder.“ Dann geht sie davon.
Und als Frau Bös die jungen Leute am Pingpong-Tisch passiert, fällt ihr auf, wie sie ihr nachgucken. Und sie fragt sich, ob sie gucken, weil ihre Figur immer noch so toll ist (obwohl ihre Beine nicht mehr ganz so straff sind wie früher), sie ihre Hüften so gekonnt schwingt beim Gehen (obwohl ihr seit diesem Jahr manchmal der Rücken weh tut, wenn sie lang gesessen ist) und ihr schwarzes Haar so in der Sonne glänzt (obwohl es nicht mehr ganz ihre Naturfarbe ist) - oder einfach nur, weil sie gerade geschrien hat.

Montag, 13. Mai 2013

Politisch korrekt 3: Made in Bangladesh


Frau Bös und Frau Bitter sitzen in ihrem Lieblingspark in der Stadt Zürich. Saubere Grünanlage, immer gut besucht, hübsches Café. Die beiden Frauen sitzen auf einem Bänkli in der Sonne und essen gemütlich ein Sandwich. Als Frau Bös sich nach vorne beugt, um aus der Handtasche zwischen ihren Beinen eine Wasserflasche hervorzukramen, schreit Frau Bitter plötzlich auf: „Mein Gott, Marianne!!“
„Was ist?! Hab ich ein ekliges Viech in den Haaren oder was??“ Frau Bös schüttelt heftig ihren Kopf und greift sich mit beiden Händen in den dunklen Pagenschnitt. Sie kann Tiere mit mehr als vier Beinen nicht ab.
Frau Bitter schluckt den Bissen Sandwich in ihrem Mund herunter und muss ein paar Mal husten, da sie vor lauter Schreck vergessen hat zu kauen. Sie klopft sich mit der flachen Hand auf die Brust und verzieht das Gesicht vor Schmerz: die Kruste von so einem Stück Brot kann ganz schön kratzen in der Speiseröhre!
„Viel schlimmer“, stösst Frau Bitter hervor, als ihr Hals wieder frei ist, „ich hab gerade den Zettel hinten an deinem T-Shirt gesehen. Da steht ‚Made in Bangladesh’ drauf!“
Frau Bös hört auf, in ihren Haaren rumzufuchteln und schiebt sich ungläubig ihre Sonnenbrille auf den Kopf.„Ach, tatsächlich? Und deswegen machst du hier so ein Theater, als sässe mir Luzifer persönlich im Nacken? Du spinnst ja wohl!“, schnauzt sie ihre Freundin an.
„Aber hast du das denn nicht gelesen über Bangladesch?“, Frau Bitter klemmt sich den Rest ihres Käse-Sandwiches zwischen die Zähne und wühlt in ihrer Handtasche neben sich auf dem Bänkli. Sie zieht eine zerfledderte Gratiszeitung hervor und blättert hastig darin. „Da!“, meint sie, als sie die gesuchte Seite aufgeschlagen hat und klatscht die Zeitung energisch auf Frau Bös’ Schoss. Diese beisst ziemlich ungerührt in ihr Salami-Sandwich und liest mit vollem Mund vor: „Zahl der Toten nach Fabrik-Einsturz in Bangladesch auf über 1000 gestiegen. Aha. Tragisch, ja. Aber was genau hat das jetzt mit meinem T-Shirt zu tun?“
Frau Bitter nimmt ihre Sonnenbrille ab und klemmt sie sich in den Ausschnitt. Sie hat den Blick einer Lehrerin, die gerade ihre Schüler tadeln will, weil diese ihre Hausaufgaben nicht erledigt haben. „Diese Fabrik, die da eingestürzt ist, war eine Textil-Fabrik. Bangladesch ist nämlich der zweitgrösste Textil-Hersteller der Welt. Und dein T-Shirt wurde ganz offensichtlich auch dort gemacht“, Frau Bitters Augen weiten sich, und sie starrt kurz auf den Boden, „Oh Gott –vielleicht sogar in eben dieser Fabrik!!“
„Das mag sein, Monika. Aber mein T-Shirt hat das Gebäude bestimmt nicht zum Einsturz gebracht“, Frau Bös isst weiter ihr Sandwich und zuckt mit den Schultern, „Kleider werden nun mal irgendwo hergestellt. Sie wachsen nicht einfach so am Baumwollstrauch.“
„Ja, aber indem du diese Billigware aus Bangladesch kaufst, unterstützt du die grässlichen Bedingungen in diesem Land!“, Frau Bitter hat ihr Mittagessen mittlerweile weggelegt.„Warum glaubst du, ist diese Fabrik in sich zusammengefallen wie ein Kartenhaus, hä? Weil sie so schlecht gebaut war und schon lange Risse aufwies! Aber den Fabrikbesitzern dort ist die Sicherheit ihrer Arbeiter egal. Die sollen einfach rund um die Uhr schuften für einen Hungerlohn und ja die Klappe halten!“
Frau Bös schiebt sich das letzte Stück Brot in den Mund und putzt sich mit einer Papierserviette die Hände. „Naja“, sie kaut weiter, während sie spricht, „du sagt es ja selber: in Bangladesch gibt’ s nicht viel anderes als Textil-Industrie. Wenn ich also gar keine Kleider mehr von dort kaufe, mache ich den Arbeitern auch keinen Gefallen: sie verlieren nämlich ihren Job und haben dann gar nichts mehr zum Leben.“ Frau Bös nimmt einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und klappt sich ihre Sonnenbrille wieder über die Augen. „Und ich würde ja gerne nur T-Shirts anziehen, die in der Schweiz genäht wurden – ich habe nichts dafür, dass die Firmen ihre Produktion allesamt ins billige Ausland verlagern.“
„Aber du hast doch die Wahl“, Frau Bitter setzt sich kerzengerade auf und hält beide Hände in die Luft, als wollte sie vor Gericht ihre Unschuld beteuern, „ich jedenfalls achte beim Shoppen sehr genau darauf, woher die Ware kommt. Ich kaufe nichts aus Ländern, in denen Kinder schuften müssen oder Angestellte wie Sklaven gehalten werden.“
„Dafür bezahlst du dann aber auch fünfmal mehr als für das Bangladesch-Modell. Dazu bin ich nicht bereit, denn diese Rechnung geht für mich nicht auf: Wieso ist ein T-Shirt, das hier um die Ecke hergestellt wird, teurer als eines, dass von 1000 Kilometern weit herkommt?“
Frau Bitter will zu einem Konter ausholen, verstummt aber noch vor dem ersten Wort. Ihr ist nämlich plötzlich der rosa Slip eingefallen, denn sie sich heute Morgen übergestreift hat: aus dem Discounter, irgendwann einmal achtlos im 6er-Rabatt-Pack gekauft. Und sie muss sich heimlich eingestehen, dass sie für einen hübschen Pulli oder ein tolles Abendkleid made in Switzerlanddurchaus gewillt ist, auch etwas tiefer in die Tasche zu greifen - wenn sie dafür kein schlechtes Gewissen haben muss. Aber viel Geld ausgeben für so alltägliche Dinge wie Unterwäsche und Socken? Nö.

Frau Bös hingegen überfliegt noch einmal den Artikel über Bangladesch in der Gratiszeitung. Da bleibt ihr Blick auf zwei Fotos hängen. Das eine zeigt zwei Leichen, die in den Trümmern der Textil-Fabrik liegen. Frauen, deren dunkle Haut und die bunten Saris vollkommen mit Staub bedeckt sind. Auf dem anderen Foto sind weinende Angehörige zu sehen, die neben der Ruine mit Bildern von Vermissten stehen.
Und Frau Bös fühlt sich plötzlich ganz schmutzig und klebrig. Ihr Blick wandert hinunter auf ihr T-Shirt. Es sind keine Flecken zu sehen, aber sie hält es nicht weiter aus: Sie streift sich das Stück Billigstoff über den Kopf, wirft es in die Mülltonne neben dem Bänkli und marschiert im BH nach Hause, ohne sich von ihrer Freundin zu verabschieden.