Frau
Bös bemerkt, wie Frau Bitter neben ihr immer nervöser auf dem Bänkli
herumrutscht. Sie verändert alle 30 Sekunden ihre Position, schlägt die Beine
in der engen Bluejeans übereinander, um sie gleich danach wieder zu öffnen,
legt die Arme mal locker auf die Knie, um sie danach wieder bestimmt auf der
Sitzfläche abzustützen oder angestrengt unangestrengt von der Rückenlehne
baumeln zu lassen. Dazu legt sie den Kopf abwechselnd auf beide Seiten schief,
zurrt den Haargummi fest, lässt die langen, braunen Wellen dann doch lose über
ihre Schultern fallen und bändigt sie gleich danach wieder zu einem. Dazu zupft
sie in regelmässigen Abständen am Ausschnitt ihres blau gestreiften Sweatshirts
herum und schiebt sich die Sonnenbrille abwechselnd auf Stirn und Nase. Und
immer mal wieder richtet sich ihr prüfender Blick auf die Jugendlichen vor ihr.
Frau
Bös platzt nach einer gefühlten halben Stunde (in Wirklichkeit sind es knapp
drei Minuten) der Kragen:
„Monika!!
Du machst mich wahnsinnig!!!!! Hör endlich auf, hier so herumzuhampeln, als
hättest du Hummeln im Arsch!!!!“
Frau
Bitter erstarrt und wirft ihrer Freundin einen erschrockenen Blick zu – dann
lässt die Muskelspannung, die sie zum Posieren gebraucht hatte, plötzlich nach,
und ihr Körper sackt in sich zusammen.
„Es
ist einfach..“, ringt sie mit sich, „es ist nur… ich glaube… ich habe das
Gefühl, ich werde langsam unsichtbar! Je älter ich werde, desto weniger sieht
man mich!“ Sie nickt mit dem Kinn in Richtung der Gruppe junger Hipsters,
welche die beiden Frauen noch mit keinem Blick beachtet hat.
Frau
Bös zieht eine Augenbraue hoch. „Wie bitte? Also, ich sehe dich ganz genau – zu
genau, um ehrlich zu sein. Du nervst mich nämlich ziemlich mit diesem
paranoiden Posing!“
„Nein,
du verstehst mich nicht, Marianne. Weisst du, gestern sass ich im Tram neben einer
jungen Studentin oder so. Sie war ganz hübsch, aber ich find mich jetzt
hübscher. Und dann stieg so eine Gruppe Jungs ein, die waren alle in ihrem
Alter, halt so um die 20“, Frau Bitter nickt mit dem Kopf in Richtung der
Gruppe am Pingpong-Tisch. „Tja, und das Mädchen fiel ihnen sofort auf, sie
warfen ihr bewundernde Blicke zu und tuschelten miteinander und schwirrten um
sie herum wie Motten ums Licht. Und ich sass daneben – und nichts. Nichts!“ Sie
zieht die Schultern hoch und ihre Stimme klingt gequält, so als könnte sie
selbst nicht glauben, was sie da gerade erzählt.
Frau
Bös hört regungslos zu und pustet sich ihren dunklen Pony aus den Augen (und
das ist ja bekanntlich nie ein gutes Zeichen für ihr Gegenüber).
„Verstehe
ich dich also richtig, liebe Monika“, ihr Blick ist verächtlich und sie
verzieht keine Miene, „du hättest es also lieber gehabt, wenn diese Horde
Möchtegern-Coolios dir auch noch am Rockzipfel gehangen wäre? Dich mit obszönen
Gesten gewertschätzt und dich bei Fuss gepfiffen hätte wie einen räudigen Hund?
Wenn sie sehr zuvorkommende Kommentare über deinen Vorbau gemacht und dir beim
Rausgehen noch an deinen Hinterbau gegrabscht hätte? Das ist es also, was du
willst?“ Aus Frau Bös‘ Nase kommt ein verächtliches Schnauben, sie wendet sich
ab und nimmt einen Schluck aus ihrem Pappbecher, den sie die ganze Zeit über in
der Hand gehalten hat. Frau Bitter hebt ihren Kaffee auch wieder vom Boden auf
und rückt etwas näher zu ihrer Freundin.
„Aber
fällt dir das denn nicht auch auf? Bis vor Kurzem haben mir die jungen Kerle
auf der Strasse noch allesamt hinterhergeglotzt. Aber jetzt nehmen sie mich
nicht einmal mehr wahr! Ich bin Mitte 30, ich gehöre zum alten Eisen,
wahrscheinlich haben mich die Typen im Tram für die Oma des Mädchens gehalten!
Ich bin offiziell ein Auslaufmodell, das keiner mehr will. Das keiner mehr
SIEHT! Ich bin UNSICHTBAR!“
Bei
den letzten Worte rüttelt sie an Frau Bös‘ Arm und seufzt dann weinerlich. Frau
Bös nimmt scheinbar ungerührt den letzten Schluck Kaffee und blickt
gedankenverloren zu Boden.
Dann
springt sie plötzlich mit einem Satz auf, der leere Pappbecher fliegt über das
Bänkli hinter den beiden Frauen in die Wiese, und ihr kurzer, spitzer Schrei
lässt den gesamten Park verstummen. Alle Augenpaare im Umkreis von 100 Metern
haften nun auf den Freundinnen. Die Stille ist fast schon unheimlich.
Frau
Bös bricht schliesslich das Schweigen, geht um das Bänkli herum, klaubt den
zerbeulten Kaffeebecher aus dem Gras und schmeisst ihn in den Mülleimer
daneben.
„So“,
wendet sie sich an Frau Bitter, „jetzt sehen sie dich wieder.“ Dann geht sie
davon.
Und
als Frau Bös die jungen Leute am Pingpong-Tisch passiert, fällt ihr auf, wie
sie ihr nachgucken. Und sie fragt sich, ob sie gucken, weil ihre Figur immer
noch so toll ist (obwohl ihre Beine nicht mehr ganz so straff sind wie früher),
sie ihre Hüften so gekonnt schwingt beim Gehen (obwohl ihr seit diesem Jahr
manchmal der Rücken weh tut, wenn sie lang gesessen ist) und ihr schwarzes Haar
so in der Sonne glänzt (obwohl es nicht mehr ganz ihre Naturfarbe ist) - oder
einfach nur, weil sie gerade geschrien hat.