Donnerstag, 1. Mai 2014

Politisch korrekt 8: Der Hafenkran ist an allem schuld

    Frau Bös steht am Limmatquai neben dem Hafenkran. Aus Rostock, schon ziemlich baufällig und 60'000 Franken teuer. Er ist DAS Hassobjekt der Zürcher zur Zeit, denn lange hat sich die Stadt über dieses sogenannte Kunstobjekt gestritten, jetzt wurde es unter viel Kritik doch noch aufgestellt. Der Hafenkran ist das neue Feindbild all jener, die zu wissen glauben, was schön und was hässlich ist, was Kunst und was nicht, und wie man Geld besser investieren könnte. Was auch gerade Schlimmes und Schlechtes in der Limmatstadt passiert: der Hafenkran aus Deutschland ist sicher schuld daran.
Frau Bös sieht mit einer Mischung aus Besorgnis und Häme hinauf zum Arm des grünen Ungetüms,  aber nicht, weil das rostige Ding so umstritten ist, sondern weil dort oben Frau Bitter sitzt. Diese bläst gerade eine Schwimmhilfe in der Form eines Flugzeugs auf.
    "Ok, Monika", ruft ihr Frau Bös von weit unten her zu, die Hände vor ihren Lippen zu einem Trichter geformt, "du willst das also wirklich durchziehen, ja? Findest du das nicht ein bisschen übertrieben?"
    Frau Bitter schüttelt energisch den Kopf, ihr brauner Pferdeschwanz tanzt im Wind. "Auf gar keinen Fall! Wenn man etwas verändern will, dann muss man auch mal was wagen! Ich habe beschlossen, nicht nur immer hintenrum zu motzen, wenn mich was stört, sondern ganz vorne mitzukämpfen!!" Sie pustet noch dreimal in das Ventil des Gummifliegers, schliesst es dann und klemmt sich den Flieger so gut es geht zwischen die Beine, die links und rechts vom rostigen Hafenkran-Arm baumeln. Dann klaubt sie aus ihrer Umhängetasche eine zusammengerollte Flagge mit dem Logo der JUSO.
    "Also, du bist GEGEN den Hafenkran, GEGEN die neuen Gripen-Kampfjets und FÜR den Mindestlohn?", Frau Bös verschränkt ihre Arme vor der Brust und schaut stirnrunzelnd zu ihrer Freundin hinauf.
    "Ganz genau!"
    "Für das gibt es diese Formulare, auf denen man das gewünschte Kästchen ankreuzt, und sie dann in ein Couvert steckt und in den Briefkasten wirft. Ganz einfach. Das nennt man Demokratie. Kännsch?"
    Frau Bitter rutscht langsam und vorsichtig auf dem eisernen Gestänge nach vorne, immer weiter über die Limmat. Dafür hat sie sich einen Flügel des Gummifliegers zwischen die Zähne gesteckt, die Flagge baumelt von ihrem Handgelenk, während sie sich krampfhaft am Metall zwischen ihren Beinen festklammert. "As aich nich!! Aschtingen kun och ae, aer ang usch at on ain... " Frau Bös unterbricht sie: "Ich verstehe kein Wort, Monika! Nimm den scheiss Gripen aus dem Mund!"
    Frau Bitter klemmt sich das Flugzeug unter den linken Arm. "Ich habe gesagt: Das reicht nicht! Abstimmen tun doch alle, aber man muss halt schon auch mal ein bisschen mehr Mumm und Fantasie zeigen, wenn man eine Meinung hat und diese kundgeben will! Das ist WAHRE Demokratie!" Sie versucht, die Mindestlohn-Flagge am Ende des Krans festzumachen, ohne dabei den aufblasbaren Gripen unter ihrem Arm zu verlieren. "Das kann doch wohl nicht sein: über eine halbe Million Franken für einen alten, verlotterten Hafenkran, den in Deutschland niemand mehr will und der in Zürich nichts anderes tut als das Limmatquai verschandeln! Und 10 Milliarden Franken für 22 schwedische Kampfjets, die sonst auch keiner will und mit denen wir eh immer noch keine Armee der Welt schlagen könnten! Und das Ganze sollen wir mit unseren Steuern bezahlen, ohne anständig zu verdienen?? Das finde ich eine Sauerei! Deshalb sage ich: ich scheisse auf diesen Hafenkran (sie rutscht unanständig mit ihrem Gesäss auf dem Gestänge auf und ab), ich versenke den verdammten Gripen (sie schmeisst den Gummiflieger schwungvoll hinunter ins Wasser) und bestehe auf einen Mindestlohn (sie beugt sich hinunter und lockert den Knoten an der Flagge, diese rollt sich auf und ein grosses, rotes JA ZUM MINDESTLOHN wird sichtbar)!" Allerdings verliert Frau Bitter vor lauter Rumfingern an der Flagge ihr Gleichgewicht, rudert heftig, aber vergeblich mit den Armen und kippt dann schreiend vom Hafenkran. Sie platscht mit dem Gesäss voran in die eisig kalte Limmat, und taucht ein paar Sekunden später wieder auf, eifrig nach Luft schnappend, und in Panik mit allen Vieren rudernd, der Pferdeschwanz klebt ihr über den Augen. Sie ist keine gute Schwimmerin.
    Frau Bös weiss das und rennt erschrocken zwischen die Beine des Hafenkrans, ihre Stimme ist schriller den je: "Der Gripen, Monika, der Gripen!!!" Sie zeigt aufgeregt auf den aufblasbaren Flieger, der nur ein paar Meter vor ihrer Freundin in der Limmat treibt. Frau Bitter paddelt auf ihn zu, greift ihn sich und zieht sich bäuchlings auf den Gummi-Gripen hinauf. Wie ein Frosch stemmt sie sich mit den Hinterbeinen durch die Fluten, in Richtung rettendes Limmatquai. Frau Bös folgt ihr stromabwärts bis zu einer kleinen Plattform, die über das Wasser ragt. Dort kniet sie sich hin, und reicht Frau Bitter die Hand, die sich erleichtert aufstöhnend daran festklammert.
    
    "Deine Auffassung von Demokratie ist ziemlich anstrengend und gefährlich", ächzt Frau Bös, als sie ihre Freundin mit viel Mühe an Land hievt. "Und ausserdem war deine Aktion ziemlich für die Katz. Denn wenn ich das richtig sehe, wurde dir dein geliebter Mindestlohn da oben zum Verhängnis, aber der verhasste Gripen-Jet hat dir das Leben gerettet!"
    Frau Bitter liegt erschöpft auf dem Boden, immer noch bäuchlings, patschnass und zitternd vor Kälte, mit ihrem linken Arm umklammert sie immer noch den aufblasbaren Flieger. "Der Hafenkran", stösst sie mühsam hervor, sie hat kaum mehr Kraft zu sprechen, "der Hafenkran ist an allem schuld!"

Dienstag, 15. April 2014

Alter Ego 5: Todesangst

    Frau Bitter und Frau Bös sitzen in ihrem Lieblingscafé in der Stadt Zürich. Mittlerer Preis, immer gut besucht, bester Latte Macchiato. Die beiden Freundinnen haben mal wieder ihren Lieblingsplatz am Fenster ergattert. Frau Bitter rührt gedankenverloren in ihrem Latte, von dem sie noch keinen einzigen Schluck genommen hat, und starrt mit leerem Blick auf die ersten grünen Blätter, die der Baum am Strassenrand hinter der Scheibe trägt. Der Frühling zeigt langsam sein Gesicht, die Sonne scheint, es herrschen angenehme Temperaturen. Frau Bös hätte drum eigentlich zur Abwechslung mal gute Laune. Aber es nervt sie, dass ihre Freundin so abwesend ist und sie standhaft ignoriert. Und auch das Koffein macht Frau Bös langsam hibbelig. Kein Wunder: sie nippt bereits an ihrem dritten Cappuccino, aus Langeweile. Doch irgendwann platzt ihr der Kragen.
    "Monika, dein Kaffee ist im Fall schon lange kalt!".
    "Ähää..." Frau Bitter wendet sich nicht einmal von den Blättern ab.
    "Brad Pitt sitzt am Tisch hinter dir, hast du gesehen?"
    "Hmm-mmm..."
    "Oh, er kommt zu dir her!"
    "..."
    Frau Bös pustet sich den dunklen Pony aus der Stirn (Achtung!) und stösst hörbar Luft aus der Nase aus. Sie begreift, dass sie härtere Geschütze auffahren muss, um die Aufmerksamkeit ihres Gegenübers auf sich zu ziehen.
   "Ich wollte dir noch sagen, ich bin gestern von Ausserirdischen entführt worden. Die haben so seltsame Tests mit mir gemacht und mir einen Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt. Monika", Frau Bös beugt sich über den Tisch und nähert sich dem Gesicht ihrer Freundin, ihre Lippen berühren fast Frau Bitters Ohr, "ich bin schwanger mit einem Alien", flüstert sie geheimnisvoll.
    "Ja?" Frau Bitter erwacht plötzlich aus ihrer Lethargie, aber nicht wegen des Aliens, sondern weil ihr ihre Freundin kräftig in die Ohrmuschel pustet.
    "Meine Güte!!!", Frau Bös lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück und verschränkt die Arme vor ihrem Oberkörper. "Wo um Himmels Willen bist du gerade, wenn ich fragen darf?!".
    Frau Bitter streicht sich eine Strähne ihrer braunen, langen Wellen aus der Stirn und wirkt, als wäre sie gerade erst aus einem tiefen Schlaf erwacht.
    "Ach, weisst du, mir ist einfach grad bewusst geworden, dass wir alle irgendwann mal sterben müssen."
    Frau Bös zieht ihre Augenbrauen hoch. "Wie bitte?"
    "Ja. Wir alle. Wir werden nicht für ewig hier sein. Was ich heute tue, spielt vielleicht schon morgen keine Rolle mehr. Weil ich dann tot bin. Das Leben ist so...", Frau Bitter schiessen die Tränen in die Augen, "...so endlich!" Sie wendet sich ab und wühlt in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. Sie findet aber keines, deshalb schneuzt sie sich in die Serviette neben ihrer Kaffeetasse.
    Frau Bös zieht spöttisch den rechten Mundwinkel nach oben und schüttelt langsam ihren Kopf. "Ach. Und das merkst du erst jetzt? Hättest du mich mal gefragt, ich hätte dir das schon lange gesagt. Gratuliere zu deiner Erkenntnis!"
    "Ich meine das ernst, Marianne!", Frau Bitter wischt sich mit einer Ecke der Serviette eine Träne aus dem Augenwinkel, verschmiert dabei aber ihren schwarzen Eyeliner. Nun sieht sie aus, als hätte sie ein riesiges Muttermal auf de linken Lid, aber Frau Bös weist sie nicht auf das Malheur hin, sondern freut sich heimlich darüber. 
    "Es ist doch so", fährt Frau Bitter fort, Augen und Nase gerötet, "irgendwie werden wir alle nur geboren, um zu sterben! Es trifft jeden von uns! Das ist unausweichlich! Und es kann völlig unerwartet geschehen. Ich meine, gestern habe ich erfahren, dass so ein Typ aus meinem Büro einfach nicht mehr aufgewacht ist am Morgen. Herzversagen. 44!"
    "Jep, das ist traurig. Aber eigentlich hat er Glück gehabt. Ich würde lieber so sterben wollen als irgendwann mit 95 sabbernd, in Windeln und dement an einer unheilbaren Krankheit dahinsiechen", Frau Bös nimmt den letzten Schluck Cappuccino und leckt sich den Milchschaum von den Lippen. 
    Frau Bitter ist empört: "Wie kannst du nur so etwas sagen! Ich meine, 44 ist doch noch viel zu jung!! Der hatte im Fall Frau und Kinder, die sind jetzt allein!"
    "Stimmt. Aber dieser Moment wäre sowieso irgendwann mal gekommen. Das geht uns allen so, dass die Leute um uns herum irgendwann mal der Reihe nach wegsterben. Ausser wir sterben zuerst."
    "Jetzt tu doch nicht so, als würde dich das absolut kalt lassen, Marianne! Stell dir vor, du müsstest heute sterben! Würdest du das nicht zutiefst bedauern?"
    Frau Bös tut so, als würde sie tatsächlich einige Sekunden lang über ihre Antwort nachdenken, und meint dann schnippisch: "Nö. Denn ich glaube kaum dass ich als Leiche noch so etwas wie Bedauern oder Reue empfinden kann. Ich glaube sogar, ich kann dann überhaupt nichts mehr empfinden. Weil, wenn man tot ist... ist man eben tot."
    "Du bist so grausam!", Frau Bitter wendet sich demonstrativ von Frau Bös ab und verbirgt ihr Gesicht in der Hand, den Ellbogen auf der Tischkante aufgestützt. Sie ist entschlossen, ihre Freundin nie wieder anzuschauen. Doch diese zeigt sich völlig unbeeindruckt von dem Versuch.
    "Du solltest dich mal schnell daran gewöhnen, liebe Monika: der Tod ist kein Wunschkonzert. Und wie du es ganz richtig sagst, er holt uns ALLE ein. Wieso sich also darüber Gedanken machen?"
    Frau Bitter schlägt die Beine übereinander und wippt nervös mit einem Fuss. Ihre rote Stiefelette quietscht bei jeder Bewegung ein bisschen. "Im Gegensatz zu dir habe ich halt Mitleid mit den Hinterbliebenen. Und auch mit den Toten selber. Ich finde, man kann auch vor seiner Zeit sterben, und das ist schrecklich!"
    "Herrgott nochmal!", Frau Bös schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch, so dass der Löffel aus ihrer Kaffeetasse springt und scheppernd auf dem Unterteller landet. "Kuck mal nach draussen!! Es ist Frühling!! Du willst also tatsächlich unbedingt JETZT mit mir über den Tod reden, während draussen alles zum Leben erwacht und spriesst und blüht??!!". Ein paar Köpfe im Café drehen sich neugierig zu den beiden Mitdreissigerinnen um, denn Frau Bös' Stimme ist wie immer, wenn sie sich aufregt, ein bisschen zu laut und schrill geworden.
    Frau Bitter reagiert gar nicht erst auf die Frage, die ihr gestrllt wurde, sondern kuckt weiter schmollend auf ihre Stiefelette.
    "Na gut, mir reicht's!", Frau Bös springt von ihrem Stuhl auf, so dass dieser beinahe umkippt. Sie greift nach ihrer Jacke über der Lehne und ihrer Handtasche unter dem Tisch. "Wenn du tatsächlich an diesem wunderschönen Tag Trübsal blasen und darüber sinnieren willst, ob der Tod jetzt wohl fies ist oder nicht, dann lass ich dich lieber alleine mit deinen philosophischen Auswüchsen! Und ich hoffe, auch DU wirst nach langem Grübeln noch zum Schluss kommen, dass der alte Sensenmann halt einfach Tatsache ist und dann kommt, wann ER Bock hat und nicht DU! Akzeptier endlich, dass es Dinge auf der Welt gibt, die Madame halt nicht selber bestimmen kann!!".
    Wütend stürmt Frau Bös aus dem Café, alle Augenpaare folgen ihr, es ist mucksmäuschenstill geworden im Raum. Frau Bitter bleibt wie eingefroren am Tisch sitzen.

    Draussen an der frischen Luft verlangsamt Frau Bös ihren Schritt und atmet tief durch. Dabei schliesst sie ihre Augen und versucht, sich zu entspannen. Nur ein paar Sekunden. Aber das durchdringende Hupen eines Autos lässt sie aufschrecken und reflexartig zur Seite springen. Nur wenige Zentimeter neben ihr kommt ein blauer VW zum Stillstand, mit quietschenden Reifen. Das Fenster auf der Fahrerseite wird heruntergekurbelt, und ein Mann mittleren Alters mit Schnauz und Brille ruft wutentbrannt: "Sag mal, spinnst du eigentlich, du blöde Kuh?? Mach doch die Augen auf!!"
    Frau Bös pumpt nach diesem Schreck das Adrenalin durch die Adern, die Entspannungsphase ist vorbei. "Kuck DU doch besser, wo du hinfährst, verdammt nochmal!!! Du hättest mich beinahe umgebracht, du ARSCHLOCH!!!!".
    Sie streckt dem Autofahrer ihren rechten Mittelfinger entgegen und marschiert schnurstracks auf die andere Strassenseite, die zahlreichen Flüche des Mannes ignorierend. 
    'Nein', denkt Frau Bös, während sie empört und schnellen Schrittes heimwärts stampft, 'nein! Dass dieser Idiot mich jetzt einfach so ins Nirvana befördert, das hätte ich nicht akzeptiert!'