Frau
Bitter und Frau Bös schlendern der Langstrasse im Zürcher Kreis 4 entlang.
Zahlreiche Leuchtschriften versprechen den schnellen Sex, leicht bekleidete
Damen stehen an den Eingängen von dubiosen Bars, und dazwischen schleichen
Männer jeden Alters und jeder sozialen
Schicht möglichst unauffällig herum.
„Das
ist schon schlimm“, sagt Frau Bitter, als sie gerade einen Strip-Schuppen
passieren und ihr Blick auf die Fotos der halbnackten Tänzerinnen neben der Tür
fällt, „wenn man sich als Frau so verkaufen muss. Ich könnte das nie!“
„Oh,
doch“, Frau Bös grinst ihre Freundin hämisch an, „glaub mir: wenn du keine
andere berufliche Möglichkeit hättest, würdest du das auch machen. Ausserdem
finde ich das gar nicht die schlimmste Art, sein Geld zu verdienen. Mich würde
es viel mehr ankotzen, wenn ich die Villa von irgend so einem reichen Sack putzen
oder an der Kasse eines Billig-Discounters sitzen müsste!“
Frau
Bitters blaue Augen blicken ungläubig. „Spinnst du? Du würdest lieber nackt an
einer Stange tanzen und dich von besoffenen Unbekannten begrabschen lassen?“
„Nein.
Das ist mir zu doof. Ich würde dann schon das volle Programm bieten.“
Frau
Bitter runzelt die Stirn und streicht sich eine braune Strähne aus dem Gesicht.
„Na,
Sex natürlich!“, Frau Bös bleibt stehen und zeigt auf ein Fenster am Gebäude
auf der anderen Strassenseite. „Weil, da bist du wenigstens nicht so
ausgestellt. Du verziehst dich mit dem Typen einfach auf ein Zimmer, versuchst,
selber ein bisschen Spass zu haben und kassierst dann ab – aber richtig. ICH
wär teuer!“ Sie pustet sich ihren dunklen Pony aus der Stirn und schaut ihre
Freundin herausfordernd an. Ein paar Männer haben sich zu den beiden Frauen
umgedreht, weil Frau Bös’ Stimme natürlich wieder einmal ein wenig zu laut
gewesen war. Frau Bitter fühlt sich unwohl, und setzt sich wieder in Bewegung,
diesmal ist ihr Gang schneller als zuvor.
„Das
kann ich nicht glauben, Marianne“, sie zieht sich die Kapuze ihres Parkas über
den Kopf, um sich ein bisschen unsichtbarer zu fühlen. „Du würdest wirklich so
mir nichts, dir nichts deinen Körper verkaufen? Das ist doch entwürdigend,
eklig ist das!“
„Wieso
eklig?“, Frau Bös packt ihre Freundin an der Schulter und zwingt sie so, etwas
langsamer zu gehen, „hattest du etwa noch nie Sex?“
„Doch!
Aber nicht für Geld! Und mit Männern, die ich mir selbst ausgesucht habe und
die mir etwas bedeuten!“
Ein
heiseres Lachen kommt aus Frau Bös’ Kehle, und erneut drehen sich Leute auf der
Strasse nach ihr um. „Monika, bitte, jetzt tu nicht so romantisch! Sex ist
einfach nur ein körperlicher Akt, der die Lust befriedigen soll. Nichts
weiter!“
„Aber
Sex ist kein Geschäft!“
„Doch,
seit tausenden von Jahren, meine Liebe, seit tausenden von Jahren. Und warum
soll man daraus nicht Profit schlagen, wenn man kann?“
Die
beiden Mittdreissigerinnen kommen an einem Sex-Shop vorbei. Im Schaufenster
sind Pornofilme mit klingenden Titeln ausgestellt.
Frau
Bitter muss schlucken. „Wusstest du, dass in der Schweiz bereits 16-jährige in
sogenannten Etablissements arbeiten dürfen? Sie können sich also quasi legal in
den Schulferien ein Taschengeld als Prostituierte verdienen!“
„Ja,
und? Ich finde das in Ordnung, wenn sie das wollen. Mit 16 bist du alt genug,
um Entscheidungen zu treffen, in diesem Alter musst du dich ja eh für eine
Ausbildung entscheiden. Und Nutte ist ein Beruf wie Coiffeuse oder
Informatikerin – solange keine Frau zu diesem Beruf gezwungen wird, ist das
doch völlig ok.“
„Und
all die Frauen aus Ungarn oder der Ukraine, die von Schleppern gezwungen
werden, hier in Zürich anzuschaffen?“
Frau
Bös zuckt mit den Schultern. „Das ist eine Sauerei und Sache der Justiz. Ich
sage ja: wenn Frauen zu irgendwas gezwungen werden, geht das gar nicht! Aber
wenn sich jemand freiwillig dafür entscheidet, mit Sex sein Geld zu verdienen,
dann geht das die anderen nichts an. Es ist nicht verwerflich, es hat nichts
mit Moral zu tun, es ist keine Schande – es ist einfach ein Job!“
Am
Helvetiaplatz verabschieden sich die beiden Frauen, denn sie müssen beide in
unterschiedliche Richtungen. Frau Bitter steigt ins Tram, Frau Bös durchquert
weiter das Rotlicht-Viertel.
Plötzlich
tritt ihr ein älterer Herr mit Bierbauch, randloser Brille und schütterem Haar
auf dem Trottoir entgegen. „Hey! Wieviel?“, zischt er ihr zu.
Frau
Bös bleibt ruckartig stehen und blitzt den Mann mit ihren schwarzen Augen an.
„Was fällt dir eigentlich ein, du verdammter Lustmolch!!!!“, schreit sie los,
das Gesicht puterrot, „sehe ich etwa aus wie eine scheiss Hure??!!! Sehe ich
aus, als würde ich es freiwillig mit dir treiben wollen???!!!! Willst du etwa
behaupten, dass ich hier billig rumlaufe und meine Titten raushängen lasse??!!“,
sie klopft sich mit beiden Händen auf die Brust. Dem älteren Herrn ist die
Sache sichtlich peinlich, er spürt die Blicke der anderen Passanten auf sich
und geht schnellen Schrittes wortlos davon.
„Quatsch
mich ja NIE MEHR an!!!“, schreit ihm Frau Bös völlig ausser sich hinterher,
„und geh gefälligst in ein Puff, aber sicher nicht zu einer anständigen Frau
wie mir!!! DU SAUHUND!!!!!!!!!“