Frau
Bitter und Frau Bös sitzen in ihrem Lieblingscafé in der Stadt Zürich.
Mittlerer Preis, immer gut besucht, bester Latte Macchiato. Die beiden konnten
ihren Lieblingsplatz am Fenster ergattern, mit Blick auf eine belebte
Einkaufsmeile. Aber Frau Bitter starrt schon seit einer Viertelstunde
ununterbrochen auf ihr Smartphone. Ihr Daumen streicht wie automatisiert über
den Bildschirm und hämmert Buchstaben ein.
Frau
Bös hat sie bis jetzt wortlos beobachtet, gedankenverloren in ihrer Kaffeetasse
rührend. Doch jetzt plötzlich lässt sie den Löffel mit einem lauten Scheppern
auf die Untertasse knallen.
„Monika,
es reicht jetzt langsam!!“, ihre heisere Stimme beendet das Schweigen abrupt
und hallt im gesamten Café nach. An den anderen Tischen drehen sich verblüffte
Gesichter zu den beiden Frauen. „Ich wollte mit dir unseren Wochenendausflug
besprechen! Aber du hast nur Augen für das scheiss Ding da!“. Bei ‚Ding‘
schmeisst Frau Bös gewandt ihr ungeöffnetes Zuckersäckli nach dem verhassten
Objekt und trifft es zielsicher.
Frau
Bitter zieht ihr Smartphone an ihre Brust und blickt ihre Freundin tadelnd an.
Ein „Hey, pass doch auf!“ entfährt es ihr, und sie sieht irgendwie aus wie eine
Affenmutter, die ihr Kleines vor einem wildgewordenen Silberrücken beschützen
will. Dann nimmt sie eine Serviette und reibt das Smartphone sauber (obwohl das
Zuckersäckli völlig unbeschädigt auf dem Boden neben ihrem Stuhl gelandet ist).
„Ich bin ja gleich fertig, jetzt wart doch mal.“
Frau
Bitter dreht sich von ihrem Gegenüber ab (der Rest des Cafés übrigens auch) und
konzentriert sich wieder auf die Sprechblasen auf dem kleinen Bildschirm vor
ihr.
Frau
Bös schnaubt verächtlich. Ihr stechender Blick bleibt auf ihrer tippenden
Freundin haften. Ihr rechter Fuss wippt nervös auf und ab, und sie pustet sich in
regelmässigen Abständen den dunklen Pony aus dem Gesicht, so wie sie es immer
tut, wenn sie kurz vor dem Explodieren ist.
„Weisst
du, Monika“, setzt sie schliesslich an, „ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass
ich dieses Wochenende doch nicht kann.“
„Hmm-mmm“,
klingt es ihr gedankenverloren entgegen.
„Ich
bin nämlich schon anderweitig verabredet. Mit deinem Freund.“
„Okeeee“,
Frau Bitter schaut keine Sekunde auf.
„Ja“,
Frau Bös lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück, „wir ficken nämlich. Nicht zum
ersten Mal.“
„Hmm-mmm“.
„Er
sagt, ich sei viel besser im Bett als du.“
Frau
Bitter kippt ihr Smartphone. Irgendein Bild braucht offenbar Grossformat.
„Kein
Wunder. Du bist in letzter Zeit auch echt fett geworden. Hast du dir mal deine
Schenkel angesehen?“ Frau Bös verschränkt herausfordernd die Arme und zieht
eine Augenbraue hoch. Ohne Erfolg.
„Ähäää“,
Frau Bitter rückt keinen Millimeter von ihrem Gadget ab.
„Solltest
du mal. Einfach so als Tipp. Und ich bin übrigens schwanger von ihm.“
„Ja.“
„Mit
Zwillingen.“
„…“
„Dazu
habe ich AIDS im Endstadium.“
„Ja?“
„Ich
sterbe.“
„Hmm-mmm.“
„Bald.“
„Okeee.“
„Ich
sterbe, hörst du? Bald bin ich tot, mausetot.“
„...“
„Ich
STERBE, verdammt nochmal!!“ Frau Bös‘ Stimme überschlägt sich, und plötzlich
verstummen im Café sämtliche Gespräche und Kaffeelöffel. Selbst Frau Bitter
schaut jetzt auf und ihrer Freundin verdutzt in die Augen.
„Was
hast du gesagt? Jetzt kuck mich doch nicht so an, Marianne. Ist ja gut. Da,
schau, ich leg es weg, ok?“, sie schiebt ihr Smartphone demonstrativ in die
Seitentasche ihrer Jeansjacke und streckt Frau Bös dann ihre leeren Handflächen
entgegen – wie ein Zauberer, der seine Zuschauer davon überzeugen will, dass er
wirklich nicht trickst. Dann fallen ihr die zahlreichen Augenpaare auf, die auf
ihr haften. Peinlich berührt streicht sie sich ein paar Haarsträhnen hinter die
Ohren und rutscht etwas tiefer in ihren Stuhl. „Warum glotzen denn alle so?“,
flüstert sie Frau Bös zu.
„Weil
du Handy-süchtig bist“, antwortet diese cool wie ein Eisberg.
Frau
Bitter legt ihre Stirn in Falten und schüttelt den Kopf. „So ein Quatsch. Bin
ich gar nicht! Ich kann doch nix dafür, wenn die Simone mir so einen Link in
mein Facebook-Profil postet. Diese elende Social media-Tusse, muss dauernd
irgendwelche neuen Apps kommentieren und meine Wall als ihren Blog
missbrauchen! Da musste ich doch gleich reagieren und das twittern! Und ja,
noch ein paar Whatsapps beantworten, sorry. Also, wann holst du mich jetzt ab
am Samstag?“.
„Um
10.“ Frau Bös nimmt einen Schluck von ihrem Matte Lacchiato, der mittlerweile
kalt geworden ist. Um sie herum hat das Gemurmel der anderen Gäste und das
Geschepper von Kaffeetassen und –löffeln
wieder angefangen. Sie blickt aus dem Fenster in das Gewimmel der Leute im
Shoppingfieber. Dabei bemüht sie sich, ganz entspannt und gleichgültig
auszusehen. Aber sie verspürt ein unangenehmes Jucken in ihren Fingern und ein
Kribbeln in der Magengegend. Ihr Fuss fängt wieder an zu wippen, und irgendwas
scheint ihr die Kehle zuzuschnüren – was umso unangenehmer ist, da sich immer
mehr Speichel in ihrem Mund sammelt, wie bei einem Hungerast. Frau Bös Hände
beginnen zu schwitzen und sie pustet sich noch öfters den Pony zurecht als
sonst.
Sie
hofft, dass Frau Bitter bald einmal aufs WC oder nach Hause muss. Denn irgendwo
in den unendlichen Tiefen ihrer Handtasche liegt ihr eigenes Handy begraben,
und Frau Bös kann es kaum erwarten, es hervorzuwühlen. Denn was um Himmel
Willen, WAS hat diese doofe Simone bloss auf diesem verdammten Facebook
geschrieben??