Dienstag, 16. April 2013

Sozial verträglich 4: Unstillbarer APPetit



Frau Bitter und Frau Bös sitzen in ihrem Lieblingscafé in der Stadt Zürich. Mittlerer Preis, immer gut besucht, bester Latte Macchiato. Die beiden konnten ihren Lieblingsplatz am Fenster ergattern, mit Blick auf eine belebte Einkaufsmeile. Aber Frau Bitter starrt schon seit einer Viertelstunde ununterbrochen auf ihr Smartphone. Ihr Daumen streicht wie automatisiert über den Bildschirm und hämmert Buchstaben ein.
Frau Bös hat sie bis jetzt wortlos beobachtet, gedankenverloren in ihrer Kaffeetasse rührend. Doch jetzt plötzlich lässt sie den Löffel mit einem lauten Scheppern auf die Untertasse knallen.
„Monika, es reicht jetzt langsam!!“, ihre heisere Stimme beendet das Schweigen abrupt und hallt im gesamten Café nach. An den anderen Tischen drehen sich verblüffte Gesichter zu den beiden Frauen. „Ich wollte mit dir unseren Wochenendausflug besprechen! Aber du hast nur Augen für das scheiss Ding da!“. Bei ‚Ding‘ schmeisst Frau Bös gewandt ihr ungeöffnetes Zuckersäckli nach dem verhassten Objekt und trifft es zielsicher.
Frau Bitter zieht ihr Smartphone an ihre Brust und blickt ihre Freundin tadelnd an. Ein „Hey, pass doch auf!“ entfährt es ihr, und sie sieht irgendwie aus wie eine Affenmutter, die ihr Kleines vor einem wildgewordenen Silberrücken beschützen will. Dann nimmt sie eine Serviette und reibt das Smartphone sauber (obwohl das Zuckersäckli völlig unbeschädigt auf dem Boden neben ihrem Stuhl gelandet ist). „Ich bin ja gleich fertig, jetzt wart doch mal.“
Frau Bitter dreht sich von ihrem Gegenüber ab (der Rest des Cafés übrigens auch) und konzentriert sich wieder auf die Sprechblasen auf dem kleinen Bildschirm vor ihr.
Frau Bös schnaubt verächtlich. Ihr stechender Blick bleibt auf ihrer tippenden Freundin haften. Ihr rechter Fuss wippt nervös auf und ab, und sie pustet sich in regelmässigen Abständen den dunklen Pony aus dem Gesicht, so wie sie es immer tut, wenn sie kurz vor dem Explodieren ist.
„Weisst du, Monika“, setzt sie schliesslich an, „ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass ich dieses Wochenende doch nicht kann.“
„Hmm-mmm“, klingt es ihr gedankenverloren entgegen.
„Ich bin nämlich schon anderweitig verabredet. Mit deinem Freund.“
„Okeeee“, Frau Bitter schaut keine Sekunde auf.
„Ja“, Frau Bös lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück, „wir ficken nämlich. Nicht zum ersten Mal.“
„Hmm-mmm“.
„Er sagt, ich sei viel besser im Bett als du.“
Frau Bitter kippt ihr Smartphone. Irgendein Bild braucht offenbar Grossformat.
„Kein Wunder. Du bist in letzter Zeit auch echt fett geworden. Hast du dir mal deine Schenkel angesehen?“ Frau Bös verschränkt herausfordernd die Arme und zieht eine Augenbraue hoch. Ohne Erfolg.
„Ähäää“, Frau Bitter rückt keinen Millimeter von ihrem Gadget ab.
„Solltest du mal. Einfach so als Tipp. Und ich bin übrigens schwanger von ihm.“
 „Ja.“
„Mit Zwillingen.“
„…“
„Dazu habe ich AIDS im Endstadium.“
„Ja?“
„Ich sterbe.“
„Hmm-mmm.“
„Bald.“
„Okeee.“
„Ich sterbe, hörst du? Bald bin ich tot, mausetot.“
„...“
„Ich STERBE, verdammt nochmal!!“ Frau Bös‘ Stimme überschlägt sich, und plötzlich verstummen im Café sämtliche Gespräche und Kaffeelöffel. Selbst Frau Bitter schaut jetzt auf und ihrer Freundin verdutzt in die Augen.
„Was hast du gesagt? Jetzt kuck mich doch nicht so an, Marianne. Ist ja gut. Da, schau, ich leg es weg, ok?“, sie schiebt ihr Smartphone demonstrativ in die Seitentasche ihrer Jeansjacke und streckt Frau Bös dann ihre leeren Handflächen entgegen – wie ein Zauberer, der seine Zuschauer davon überzeugen will, dass er wirklich nicht trickst. Dann fallen ihr die zahlreichen Augenpaare auf, die auf ihr haften. Peinlich berührt streicht sie sich ein paar Haarsträhnen hinter die Ohren und rutscht etwas tiefer in ihren Stuhl. „Warum glotzen denn alle so?“, flüstert sie Frau Bös zu.
„Weil du Handy-süchtig bist“, antwortet diese cool wie ein Eisberg.
Frau Bitter legt ihre Stirn in Falten und schüttelt den Kopf. „So ein Quatsch. Bin ich gar nicht! Ich kann doch nix dafür, wenn die Simone mir so einen Link in mein Facebook-Profil postet. Diese elende Social media-Tusse, muss dauernd irgendwelche neuen Apps kommentieren und meine Wall als ihren Blog missbrauchen! Da musste ich doch gleich reagieren und das twittern! Und ja, noch ein paar Whatsapps beantworten, sorry. Also, wann holst du mich jetzt ab am Samstag?“.
„Um 10.“ Frau Bös nimmt einen Schluck von ihrem Matte Lacchiato, der mittlerweile kalt geworden ist. Um sie herum hat das Gemurmel der anderen Gäste und das Geschepper von Kaffeetassen  und –löffeln wieder angefangen. Sie blickt aus dem Fenster in das Gewimmel der Leute im Shoppingfieber. Dabei bemüht sie sich, ganz entspannt und gleichgültig auszusehen. Aber sie verspürt ein unangenehmes Jucken in ihren Fingern und ein Kribbeln in der Magengegend. Ihr Fuss fängt wieder an zu wippen, und irgendwas scheint ihr die Kehle zuzuschnüren – was umso unangenehmer ist, da sich immer mehr Speichel in ihrem Mund sammelt, wie bei einem Hungerast. Frau Bös Hände beginnen zu schwitzen und sie pustet sich noch öfters den Pony zurecht als sonst.
Sie hofft, dass Frau Bitter bald einmal aufs WC oder nach Hause muss. Denn irgendwo in den unendlichen Tiefen ihrer Handtasche liegt ihr eigenes Handy begraben, und Frau Bös kann es kaum erwarten, es hervorzuwühlen. Denn was um Himmel Willen, WAS hat diese doofe Simone bloss auf diesem verdammten Facebook geschrieben?? 

Donnerstag, 4. April 2013

Politisch korrekt 2: Marschbefehl



Frau Bitter und Frau Bös sitzen in ihrer Lieblingsbar in der Stadt Zürich. Schickes Interieur, immer gut besucht, bester Cosmopolitan. Sie ihren Lieblingsplatz auf einem der hippen Sofas mit Zebramuster ergattert, von wo aus sie einen prima Überblick über die gesamte Location haben. Aber an diesem Abend ist ihre Sicht irgendwie eintönig, genauer – grünbraungrau. Vor den beiden Frauen tummeln sich nämlich mindestens zweit Dutzend Rekruten. Offensichtlich haben sie Ausgang.
„Ich fühle mich ein bisschen underdressed“, frotzelt Frau Bös und nimmt einen kräftigen Schluck von ihrem Cosmopolitan, „aber Camouflage steht mir nun mal nicht, da musste ich halt das kleine Schwarze nehmen. Immerhin falle ich so heute mal auf.“ Sie weist mit ihrem Kinn zu den jungen Soldaten in Einheitstenue und wendet sich dann angewidert ab. Ihre Freundin hingegen mustert die Männer von oben bis unten und schürzt die Lippen.
„Naja, die hätten doch auch lieber was anderes angezogen, als sie aus der Kaserne kamen. Dürfen sie aber nicht.“ Frau Bitter klingt ein bisschen wie eine verständnisvolle Kindergärtnerin. Frau Bös kann diesen Ton gar nicht ab.
„Sie hätten von mir aus gerne in der Kaserne bleiben und ihre Knarren putzen dürfen“, legt sie los. „Ich verstehe sowieso nicht, warum die immer überall in Horden antreten müssen!  Am liebsten habe ich sie im Zug, wenn sie mit ihren dämlichen Rollkoffern, dem Sturmgewehr und dem Marschbefehl sämtliche Sitze belegen – und das auch noch gratis! Meine armen Steuergelder!“
Frau Bös streicht sich den dunklen Pony aus den Augen und schnaubt verächtlich – und natürlich extra so laut, dass es der Rekrut, der am nächsten bei ihr steht, auch mitbekommt. Er blickt verwundert zur Mittdreissigerin im kurzen, schwarzen Kleid, bemerkt ihren vernichtenden Blick, errötet und senkt dann peinlich berührt den Kopf.
„Hast du das gesehen?“, Frau Bös lehnt sich zu ihrer Freundin hinüber, ihre Stimme klingt verschwörerisch. „Und so was soll mal unser Land verteidigen. Dabei macht er schon vor einer Frau in die Hosen, die unbewaffnet und einen Kopf kleiner ist als er! Na, bravo, da freu ich mich aber, wenn mal die Russen einfallen!“ Sie greift nach ihrem Glas vor sich auf dem Tischchen und hebt es an den Mund. „Abschaffen, sag ich, alles abschaffen! Wer Krieg spielen will, kann an der Konsole zocken“, wettert Frau Bös noch, bevor sie einen weiteren, kräftigen Schluck nimmt.
Frau Bitter richtet sich auf dem Sofa auf und schlägt die Beine neu übereinander. „Also, ich weiss ja nicht, die Armee ganz abschaffen? Aber dann wird die Schweiz doch automatisch zur Zielscheibe. Ich meine, wenn wir uns nicht mehr wehren können, dann fallen bestimmt irgendwelche bösen Mächte über uns her und...“
„HA!“, Frau Bös unterbricht ihre Freundin mit einem spitzen, heiseren Schrei, der nun den gesamten grünbraungrauen Schwarm verstummen und in ihre Richtung schauen lässt. Ihr Arm mit dem Glas in der Hand schnellt so schnell nach vorne, dass die rötliche Flüssigkeit überschwappt. „Böse Mächte!! Du bist so was von doof, Monika!! Böse Mächte!! Wo hast du das denn aufgeschnappt?! Von Kim Jong Un? Von George W. Bush? Von Hugo Chávez? Die haben doch alle einen Sprung in der Schüssel! Hör mir bloss auf damit!“, sie leckt den Cosmopolitan von ihrer Hand, und die Rekruten wenden sich langsam wieder ihren vorherigen Interessen zu. „Böse Mächte, echt! So ein Scheiss! Ausserdem: was glaubst du, wird passieren, wenn die Nordkoreaner mit ihren 1,2 Millionen Soldaten vor unserer Tür stehen? Was genau werden dann unsere 170'000 machen?“
Frau Bitter zuckt mit den Schultern und nippt an ihrem Cüpli. Sie ist tatsächlich überfragt.
„Ich kann es dir sagen: sterben!“, Frau Bös betont jeden Buchstaben des schrecklichen Wortes ganz deutlich. „Oh, aber wir haben ja noch unsere sauteuren Gripen! Nur, was nützen die in der Luft, wenn Kim unten seine Atombombe zündet?“
„Naja, es müssen ja nicht gleich die Asiaten sein, die mit einer Atombombe einfallen...“
„Stimmt. Aber ich muss sagen, bei einem Angriff von Aliens seh ich auch eher schwarz.“
Diesmal nickt Frau Bitter zustimmend, aber nur, weil sie keine weiteren Beispiele von ihrer Freundin mehr hören will. Ganz geschlagen gibt sie sich aber noch nicht.
„Aber, Marianne, was ist denn mit den Arbeitsplätzen? Weißt du, wie viele Leute ihre Stelle verlieren würden, wenn es die Armee nicht mehr gäbe?“
Frau Bös zieht ihre Augenbrauen hoch: „Nein, weiss ich nicht. Weißt DU, wie viel Geld unser Staat sparen könnte, wenn er nicht mehr in tödliche Waffen, lärmige Flieger und sauhässliche Uniformen investieren müsste?“
Die beiden Frauen halten für ein paar Sekunden dem Blick der anderen Stand. Eine Art Wettbewerb, den sie regelmässig machten, wenn sie sich nicht einer Meinung waren (also eigentlich ständig). Ein Krieg ohne Waffen, aus dem nur EINE Siegerin hervorgehen konnte. Schliesslich ist es Frau Bitter, die aufgibt. Mehr weil sie blinzeln muss, als dass sie tatsächlich eingeschüchtert wäre. Sie ordnet mit spitzen Fingern ihr welliges Haar, das ihr weit über die Schultern fällt, und zupft sich ihre Bluse glatt, um beschäftigt zu wirken und Frau Bös’ dunklen Augen auszuweichen, die immer noch auf ihr haften. Und um wieder die jungen Rekruten vor ihr mustern zu können. Denn eigentlich tun sie ihr leid. Den ganzen Tag übers Feld rennen, im Schlamm robben und Handgranaten werfen. Dazu Weckdienst morgens um fünf, schlechtes Essen und hundertmal Strammstehen pro Tag. So eine RS musste fürchterlich sein.
Frau Bös unterdessen freut sich über ihre gewonnene Schlacht und schlendert triumphierend zur Bar, um sich noch einen Cosmopolitan zu bestellen. Und ausserdem hat sie von da die beste Sicht auf „C. Meierhans“. So ist der junge, knackige Soldat mit dem raspelkurzen blonden Haar jedenfalls auf seinem Namensschildchen an der Brust angeschrieben. Frau Bös nämlich muss zugeben, dass ihm dieses Grünbraungrau eigentlich noch ganz gut steht.