Frau Bitter und Frau Bös sitzen in ihrer
Lieblingsbar in der Stadt Zürich. Schickes Interieur, immer gut besucht, bester
Cosmopolitan. Sie ihren Lieblingsplatz auf einem der hippen Sofas mit
Zebramuster ergattert, von wo aus sie einen prima Überblick über die gesamte
Location haben. Aber an diesem Abend ist ihre Sicht irgendwie eintönig, genauer
– grünbraungrau. Vor den beiden Frauen tummeln sich nämlich mindestens zweit
Dutzend Rekruten. Offensichtlich haben sie Ausgang.
„Ich fühle mich ein bisschen underdressed“,
frotzelt Frau Bös und nimmt einen kräftigen Schluck von ihrem Cosmopolitan,
„aber Camouflage steht mir nun mal nicht, da musste ich halt das kleine
Schwarze nehmen. Immerhin falle ich so heute mal auf.“ Sie weist mit ihrem Kinn
zu den jungen Soldaten in Einheitstenue und wendet sich dann angewidert ab.
Ihre Freundin hingegen mustert die Männer von oben bis unten und schürzt die
Lippen.
„Naja, die hätten doch auch lieber was anderes
angezogen, als sie aus der Kaserne kamen. Dürfen sie aber nicht.“ Frau Bitter
klingt ein bisschen wie eine verständnisvolle Kindergärtnerin. Frau Bös kann
diesen Ton gar nicht ab.
„Sie hätten von mir aus gerne in der Kaserne
bleiben und ihre Knarren putzen dürfen“, legt sie los. „Ich verstehe sowieso
nicht, warum die immer überall in Horden antreten müssen! Am liebsten habe ich sie im Zug, wenn sie mit
ihren dämlichen Rollkoffern, dem Sturmgewehr und dem Marschbefehl sämtliche
Sitze belegen – und das auch noch gratis! Meine armen Steuergelder!“
Frau Bös streicht sich den dunklen Pony aus den
Augen und schnaubt verächtlich – und natürlich extra so laut, dass es der
Rekrut, der am nächsten bei ihr steht, auch mitbekommt. Er blickt verwundert
zur Mittdreissigerin im kurzen, schwarzen Kleid, bemerkt ihren vernichtenden
Blick, errötet und senkt dann peinlich berührt den Kopf.
„Hast du das gesehen?“, Frau Bös lehnt sich zu
ihrer Freundin hinüber, ihre Stimme klingt verschwörerisch. „Und so was soll
mal unser Land verteidigen. Dabei macht er schon vor einer Frau in die Hosen,
die unbewaffnet und einen Kopf kleiner ist als er! Na, bravo, da freu ich mich
aber, wenn mal die Russen einfallen!“ Sie greift nach ihrem Glas vor sich auf
dem Tischchen und hebt es an den Mund. „Abschaffen, sag ich, alles abschaffen!
Wer Krieg spielen will, kann an der Konsole zocken“, wettert Frau Bös noch,
bevor sie einen weiteren, kräftigen Schluck nimmt.
Frau Bitter richtet sich auf dem Sofa auf und
schlägt die Beine neu übereinander. „Also, ich weiss ja nicht, die Armee ganz
abschaffen? Aber dann wird die Schweiz doch automatisch zur Zielscheibe. Ich
meine, wenn wir uns nicht mehr wehren können, dann fallen bestimmt irgendwelche
bösen Mächte über uns her und...“
„HA!“, Frau Bös unterbricht ihre Freundin mit
einem spitzen, heiseren Schrei, der nun den gesamten grünbraungrauen Schwarm
verstummen und in ihre Richtung schauen lässt. Ihr Arm mit dem Glas in der Hand
schnellt so schnell nach vorne, dass die rötliche Flüssigkeit überschwappt.
„Böse Mächte!! Du bist so was von doof, Monika!! Böse Mächte!! Wo hast du das
denn aufgeschnappt?! Von Kim Jong Un? Von George W. Bush? Von Hugo Chávez? Die
haben doch alle einen Sprung in der Schüssel! Hör mir bloss auf damit!“, sie
leckt den Cosmopolitan von ihrer Hand, und die Rekruten wenden sich langsam
wieder ihren vorherigen Interessen zu. „Böse Mächte, echt! So ein Scheiss!
Ausserdem: was glaubst du, wird passieren, wenn die Nordkoreaner mit ihren 1,2
Millionen Soldaten vor unserer Tür stehen? Was genau werden dann unsere 170'000
machen?“
Frau Bitter zuckt mit den Schultern und nippt
an ihrem Cüpli. Sie ist tatsächlich überfragt.
„Ich kann es dir sagen: sterben!“, Frau Bös
betont jeden Buchstaben des schrecklichen Wortes ganz deutlich. „Oh, aber wir
haben ja noch unsere sauteuren Gripen! Nur, was nützen die in der Luft, wenn
Kim unten seine Atombombe zündet?“
„Naja, es müssen ja nicht gleich die Asiaten
sein, die mit einer Atombombe einfallen...“
„Stimmt. Aber ich muss sagen, bei einem Angriff
von Aliens seh ich auch eher schwarz.“
Diesmal nickt Frau Bitter zustimmend, aber nur,
weil sie keine weiteren Beispiele von ihrer Freundin mehr hören will. Ganz
geschlagen gibt sie sich aber noch nicht.
„Aber, Marianne, was ist denn mit den
Arbeitsplätzen? Weißt du, wie viele Leute ihre Stelle verlieren würden, wenn es
die Armee nicht mehr gäbe?“
Frau Bös zieht ihre Augenbrauen hoch: „Nein,
weiss ich nicht. Weißt DU, wie viel Geld unser Staat sparen könnte, wenn er
nicht mehr in tödliche Waffen, lärmige Flieger und sauhässliche Uniformen
investieren müsste?“
Die beiden Frauen halten für ein paar Sekunden
dem Blick der anderen Stand. Eine Art Wettbewerb, den sie regelmässig machten,
wenn sie sich nicht einer Meinung waren (also eigentlich ständig). Ein Krieg
ohne Waffen, aus dem nur EINE Siegerin hervorgehen konnte. Schliesslich ist es
Frau Bitter, die aufgibt. Mehr weil sie blinzeln muss, als dass sie tatsächlich
eingeschüchtert wäre. Sie ordnet mit spitzen Fingern ihr welliges Haar, das ihr
weit über die Schultern fällt, und zupft sich ihre Bluse glatt, um beschäftigt
zu wirken und Frau Bös’ dunklen Augen auszuweichen, die immer noch auf ihr
haften. Und um wieder die jungen Rekruten vor ihr mustern zu können. Denn
eigentlich tun sie ihr leid. Den ganzen Tag übers Feld rennen, im Schlamm
robben und Handgranaten werfen. Dazu Weckdienst morgens um fünf, schlechtes
Essen und hundertmal Strammstehen pro Tag. So eine RS musste fürchterlich sein.
Frau Bös unterdessen freut sich über ihre
gewonnene Schlacht und schlendert triumphierend zur Bar, um sich noch einen
Cosmopolitan zu bestellen. Und ausserdem hat sie von da die beste Sicht auf „C.
Meierhans“. So ist der junge, knackige Soldat mit dem raspelkurzen blonden Haar
jedenfalls auf seinem Namensschildchen an der Brust angeschrieben. Frau Bös
nämlich muss zugeben, dass ihm dieses Grünbraungrau eigentlich noch ganz gut
steht.
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