Donnerstag, 4. April 2013

Politisch korrekt 2: Marschbefehl



Frau Bitter und Frau Bös sitzen in ihrer Lieblingsbar in der Stadt Zürich. Schickes Interieur, immer gut besucht, bester Cosmopolitan. Sie ihren Lieblingsplatz auf einem der hippen Sofas mit Zebramuster ergattert, von wo aus sie einen prima Überblick über die gesamte Location haben. Aber an diesem Abend ist ihre Sicht irgendwie eintönig, genauer – grünbraungrau. Vor den beiden Frauen tummeln sich nämlich mindestens zweit Dutzend Rekruten. Offensichtlich haben sie Ausgang.
„Ich fühle mich ein bisschen underdressed“, frotzelt Frau Bös und nimmt einen kräftigen Schluck von ihrem Cosmopolitan, „aber Camouflage steht mir nun mal nicht, da musste ich halt das kleine Schwarze nehmen. Immerhin falle ich so heute mal auf.“ Sie weist mit ihrem Kinn zu den jungen Soldaten in Einheitstenue und wendet sich dann angewidert ab. Ihre Freundin hingegen mustert die Männer von oben bis unten und schürzt die Lippen.
„Naja, die hätten doch auch lieber was anderes angezogen, als sie aus der Kaserne kamen. Dürfen sie aber nicht.“ Frau Bitter klingt ein bisschen wie eine verständnisvolle Kindergärtnerin. Frau Bös kann diesen Ton gar nicht ab.
„Sie hätten von mir aus gerne in der Kaserne bleiben und ihre Knarren putzen dürfen“, legt sie los. „Ich verstehe sowieso nicht, warum die immer überall in Horden antreten müssen!  Am liebsten habe ich sie im Zug, wenn sie mit ihren dämlichen Rollkoffern, dem Sturmgewehr und dem Marschbefehl sämtliche Sitze belegen – und das auch noch gratis! Meine armen Steuergelder!“
Frau Bös streicht sich den dunklen Pony aus den Augen und schnaubt verächtlich – und natürlich extra so laut, dass es der Rekrut, der am nächsten bei ihr steht, auch mitbekommt. Er blickt verwundert zur Mittdreissigerin im kurzen, schwarzen Kleid, bemerkt ihren vernichtenden Blick, errötet und senkt dann peinlich berührt den Kopf.
„Hast du das gesehen?“, Frau Bös lehnt sich zu ihrer Freundin hinüber, ihre Stimme klingt verschwörerisch. „Und so was soll mal unser Land verteidigen. Dabei macht er schon vor einer Frau in die Hosen, die unbewaffnet und einen Kopf kleiner ist als er! Na, bravo, da freu ich mich aber, wenn mal die Russen einfallen!“ Sie greift nach ihrem Glas vor sich auf dem Tischchen und hebt es an den Mund. „Abschaffen, sag ich, alles abschaffen! Wer Krieg spielen will, kann an der Konsole zocken“, wettert Frau Bös noch, bevor sie einen weiteren, kräftigen Schluck nimmt.
Frau Bitter richtet sich auf dem Sofa auf und schlägt die Beine neu übereinander. „Also, ich weiss ja nicht, die Armee ganz abschaffen? Aber dann wird die Schweiz doch automatisch zur Zielscheibe. Ich meine, wenn wir uns nicht mehr wehren können, dann fallen bestimmt irgendwelche bösen Mächte über uns her und...“
„HA!“, Frau Bös unterbricht ihre Freundin mit einem spitzen, heiseren Schrei, der nun den gesamten grünbraungrauen Schwarm verstummen und in ihre Richtung schauen lässt. Ihr Arm mit dem Glas in der Hand schnellt so schnell nach vorne, dass die rötliche Flüssigkeit überschwappt. „Böse Mächte!! Du bist so was von doof, Monika!! Böse Mächte!! Wo hast du das denn aufgeschnappt?! Von Kim Jong Un? Von George W. Bush? Von Hugo Chávez? Die haben doch alle einen Sprung in der Schüssel! Hör mir bloss auf damit!“, sie leckt den Cosmopolitan von ihrer Hand, und die Rekruten wenden sich langsam wieder ihren vorherigen Interessen zu. „Böse Mächte, echt! So ein Scheiss! Ausserdem: was glaubst du, wird passieren, wenn die Nordkoreaner mit ihren 1,2 Millionen Soldaten vor unserer Tür stehen? Was genau werden dann unsere 170'000 machen?“
Frau Bitter zuckt mit den Schultern und nippt an ihrem Cüpli. Sie ist tatsächlich überfragt.
„Ich kann es dir sagen: sterben!“, Frau Bös betont jeden Buchstaben des schrecklichen Wortes ganz deutlich. „Oh, aber wir haben ja noch unsere sauteuren Gripen! Nur, was nützen die in der Luft, wenn Kim unten seine Atombombe zündet?“
„Naja, es müssen ja nicht gleich die Asiaten sein, die mit einer Atombombe einfallen...“
„Stimmt. Aber ich muss sagen, bei einem Angriff von Aliens seh ich auch eher schwarz.“
Diesmal nickt Frau Bitter zustimmend, aber nur, weil sie keine weiteren Beispiele von ihrer Freundin mehr hören will. Ganz geschlagen gibt sie sich aber noch nicht.
„Aber, Marianne, was ist denn mit den Arbeitsplätzen? Weißt du, wie viele Leute ihre Stelle verlieren würden, wenn es die Armee nicht mehr gäbe?“
Frau Bös zieht ihre Augenbrauen hoch: „Nein, weiss ich nicht. Weißt DU, wie viel Geld unser Staat sparen könnte, wenn er nicht mehr in tödliche Waffen, lärmige Flieger und sauhässliche Uniformen investieren müsste?“
Die beiden Frauen halten für ein paar Sekunden dem Blick der anderen Stand. Eine Art Wettbewerb, den sie regelmässig machten, wenn sie sich nicht einer Meinung waren (also eigentlich ständig). Ein Krieg ohne Waffen, aus dem nur EINE Siegerin hervorgehen konnte. Schliesslich ist es Frau Bitter, die aufgibt. Mehr weil sie blinzeln muss, als dass sie tatsächlich eingeschüchtert wäre. Sie ordnet mit spitzen Fingern ihr welliges Haar, das ihr weit über die Schultern fällt, und zupft sich ihre Bluse glatt, um beschäftigt zu wirken und Frau Bös’ dunklen Augen auszuweichen, die immer noch auf ihr haften. Und um wieder die jungen Rekruten vor ihr mustern zu können. Denn eigentlich tun sie ihr leid. Den ganzen Tag übers Feld rennen, im Schlamm robben und Handgranaten werfen. Dazu Weckdienst morgens um fünf, schlechtes Essen und hundertmal Strammstehen pro Tag. So eine RS musste fürchterlich sein.
Frau Bös unterdessen freut sich über ihre gewonnene Schlacht und schlendert triumphierend zur Bar, um sich noch einen Cosmopolitan zu bestellen. Und ausserdem hat sie von da die beste Sicht auf „C. Meierhans“. So ist der junge, knackige Soldat mit dem raspelkurzen blonden Haar jedenfalls auf seinem Namensschildchen an der Brust angeschrieben. Frau Bös nämlich muss zugeben, dass ihm dieses Grünbraungrau eigentlich noch ganz gut steht. 

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