Frau Bös und Frau Bitter sitzen in
ihrem Lieblingspark in der Stadt Zürich. Saubere Grünanlage, immer gut besucht,
hübsches Café. Die beiden Frauen sitzen auf einem Bänkli in der Sonne und essen
gemütlich ein Sandwich. Als Frau Bös sich nach vorne beugt, um aus der
Handtasche zwischen ihren Beinen eine Wasserflasche hervorzukramen, schreit
Frau Bitter plötzlich auf: „Mein Gott, Marianne!!“
„Was ist?! Hab ich ein ekliges Viech
in den Haaren oder was??“ Frau Bös schüttelt heftig ihren Kopf und greift sich
mit beiden Händen in den dunklen Pagenschnitt. Sie kann Tiere mit mehr als vier
Beinen nicht ab.
Frau Bitter schluckt den Bissen
Sandwich in ihrem Mund herunter und muss ein paar Mal husten, da sie vor lauter
Schreck vergessen hat zu kauen. Sie klopft sich mit der flachen Hand auf die
Brust und verzieht das Gesicht vor Schmerz: die Kruste von so einem Stück Brot
kann ganz schön kratzen in der Speiseröhre!
„Viel schlimmer“, stösst Frau Bitter
hervor, als ihr Hals wieder frei ist, „ich hab gerade den Zettel hinten an
deinem T-Shirt gesehen. Da steht ‚Made in Bangladesh’ drauf!“
Frau Bös hört auf, in ihren Haaren
rumzufuchteln und schiebt sich ungläubig ihre Sonnenbrille auf den Kopf.„Ach,
tatsächlich? Und deswegen machst du hier so ein Theater, als sässe mir Luzifer
persönlich im Nacken? Du spinnst ja wohl!“, schnauzt sie ihre Freundin an.
„Aber hast du das denn nicht gelesen
über Bangladesch?“, Frau Bitter klemmt sich den Rest ihres Käse-Sandwiches
zwischen die Zähne und wühlt in ihrer Handtasche neben sich auf dem Bänkli. Sie
zieht eine zerfledderte Gratiszeitung hervor und blättert hastig darin. „Da!“,
meint sie, als sie die gesuchte Seite aufgeschlagen hat und klatscht die
Zeitung energisch auf Frau Bös’ Schoss. Diese beisst ziemlich ungerührt in ihr
Salami-Sandwich und liest mit vollem Mund vor: „Zahl der Toten nach
Fabrik-Einsturz in Bangladesch auf über 1000 gestiegen. Aha. Tragisch, ja.
Aber was genau hat das jetzt mit meinem T-Shirt zu tun?“
Frau Bitter nimmt ihre Sonnenbrille ab
und klemmt sie sich in den Ausschnitt. Sie hat den Blick einer Lehrerin, die
gerade ihre Schüler tadeln will, weil diese ihre Hausaufgaben nicht erledigt
haben. „Diese Fabrik, die da eingestürzt ist, war eine Textil-Fabrik.
Bangladesch ist nämlich der zweitgrösste Textil-Hersteller der Welt. Und dein
T-Shirt wurde ganz offensichtlich auch dort gemacht“, Frau Bitters Augen weiten
sich, und sie starrt kurz auf den Boden, „Oh Gott –vielleicht sogar in eben
dieser Fabrik!!“
„Das mag sein, Monika. Aber mein
T-Shirt hat das Gebäude bestimmt nicht zum Einsturz gebracht“, Frau Bös isst
weiter ihr Sandwich und zuckt mit den Schultern, „Kleider werden nun mal
irgendwo hergestellt. Sie wachsen nicht einfach so am Baumwollstrauch.“
„Ja, aber indem du diese Billigware
aus Bangladesch kaufst, unterstützt du die grässlichen Bedingungen in diesem
Land!“, Frau Bitter hat ihr Mittagessen mittlerweile weggelegt.„Warum glaubst
du, ist diese Fabrik in sich zusammengefallen wie ein Kartenhaus, hä? Weil sie
so schlecht gebaut war und schon lange Risse aufwies! Aber den Fabrikbesitzern
dort ist die Sicherheit ihrer Arbeiter egal. Die sollen einfach rund um die Uhr
schuften für einen Hungerlohn und ja die Klappe halten!“
Frau Bös schiebt sich das letzte Stück
Brot in den Mund und putzt sich mit einer Papierserviette die Hände. „Naja“,
sie kaut weiter, während sie spricht, „du sagt es ja selber: in Bangladesch
gibt’ s nicht viel anderes als Textil-Industrie. Wenn ich also gar keine
Kleider mehr von dort kaufe, mache ich den Arbeitern auch keinen Gefallen: sie
verlieren nämlich ihren Job und haben dann gar nichts mehr zum Leben.“ Frau Bös
nimmt einen Schluck aus ihrer Wasserflasche und klappt sich ihre Sonnenbrille
wieder über die Augen. „Und ich würde ja gerne nur T-Shirts anziehen, die in
der Schweiz genäht wurden – ich habe nichts dafür, dass die Firmen ihre
Produktion allesamt ins billige Ausland verlagern.“
„Aber du hast doch die Wahl“, Frau Bitter
setzt sich kerzengerade auf und hält beide Hände in die Luft, als wollte sie
vor Gericht ihre Unschuld beteuern, „ich jedenfalls achte beim Shoppen sehr
genau darauf, woher die Ware kommt. Ich kaufe nichts aus Ländern, in denen
Kinder schuften müssen oder Angestellte wie Sklaven gehalten werden.“
„Dafür bezahlst du dann aber auch
fünfmal mehr als für das Bangladesch-Modell. Dazu bin ich nicht bereit, denn
diese Rechnung geht für mich nicht auf: Wieso ist ein T-Shirt, das hier um die
Ecke hergestellt wird, teurer als eines, dass von 1000 Kilometern weit
herkommt?“
Frau Bitter will zu einem Konter
ausholen, verstummt aber noch vor dem ersten Wort. Ihr ist nämlich plötzlich
der rosa Slip eingefallen, denn sie sich heute Morgen übergestreift hat: aus
dem Discounter, irgendwann einmal achtlos im 6er-Rabatt-Pack gekauft. Und sie
muss sich heimlich eingestehen, dass sie für einen hübschen Pulli oder ein
tolles Abendkleid made in Switzerlanddurchaus gewillt ist, auch etwas
tiefer in die Tasche zu greifen - wenn sie dafür kein schlechtes Gewissen haben
muss. Aber viel Geld ausgeben für so alltägliche Dinge wie Unterwäsche und
Socken? Nö.
Frau Bös hingegen überfliegt noch
einmal den Artikel über Bangladesch in der Gratiszeitung. Da bleibt ihr Blick
auf zwei Fotos hängen. Das eine zeigt zwei Leichen, die in den Trümmern der
Textil-Fabrik liegen. Frauen, deren dunkle Haut und die bunten Saris vollkommen
mit Staub bedeckt sind. Auf dem anderen Foto sind weinende Angehörige zu sehen,
die neben der Ruine mit Bildern von Vermissten stehen.
Und Frau Bös fühlt sich plötzlich ganz
schmutzig und klebrig. Ihr Blick wandert hinunter auf ihr T-Shirt. Es sind
keine Flecken zu sehen, aber sie hält es nicht weiter aus: Sie streift sich das
Stück Billigstoff über den Kopf, wirft es in die Mülltonne neben dem Bänkli und
marschiert im BH nach Hause, ohne sich von ihrer Freundin zu verabschieden.
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