Frau Bös und Frau Bitter sitzen in ihrem
Lieblingspark in der Stadt Zürich. Saubere Grünanlage, immer gut besucht,
hübsches Café. Die beiden Frauen haben es sich mit einem Becher Kaffee auf
einem Bänkli neben dem Spielplatz gemütlich gemacht (weil alle anderen schon
besetzt waren). Frau Bös beobachtet Frau Bitter, wie diese ganz versunken in
ihrem Becher rührt und den tobenden Kindern und deren hippen, urbanen Eltern
zuschaut. Sie holt ihre Freundin aus ihren Gedanken, indem sie ihr unsanft den
Ellbogen in die Rippen stösst.
„Monika, was glotzt du denn dauernd diesen
Goofen hinterher? Willst du etwa auch auf die Rutschbahn? Sorry, aber da hat
dein Arsch jetzt wirklich keinen Platz mehr!“ Sie lacht ihr heiseres Lachen und
knufft Frau Bitter noch einmal versöhnlich in die Seite. Diese kann sich kein
Lächeln abringen.
„Du bist doof, echt. Ich musste nur gerade
an meine Gynäkologin denken“.
Frau Bös sieht ihre Freundin ungläubig über
die Ränder ihrer Sonnenbrille hinweg an.
„Ähm, halloo-oo?? Die Sonne scheint, es ist
Sonntag, wir erholen uns gerade von einer sehr coolen Party gestern – und du kannst
an nichts anderes denken, als an jemanden, der dir mit einer riesigen
Spreizklammer zwischen den Beinen herumfuhrwerkt?“
Frau Bitter seufzt und macht ein Gesicht,
als hätte sie gerade in eine sehr saure Zitrone gebissen.
„Nein, auf das könnte ich jeweils auch
verzichten. Aber ich war letzte Woche bei der Dr. Marthaler, das alljährliche
Prozedere halt, Krebsabstrich, Pillenrezept. Und sie hat mich schon das dritte
Jahr in Folge ungebeten darauf aufmerksam gemacht, dass ich jetzt dann langsam mal
loslegen müsse mit dem Kinderkriegen und so. Ab 35 nehme die Fruchtbarkeit
drastisch ab und bla bla bla…“
„Aha, ich verstehe“, Frau Bös nimmt ihre
Brille ab und schlägt die Beine übereinander, „und deshalb hast du jetzt
Torschlusspanik. Du weisst nicht, ob du deine Gene noch weitervererben sollst
oder nicht. Du versuchst dir
vorzustellen, wie du wohl aussehen würdest, so mit Kinderwagen und Wickeltasche
im Park.“
„…“
„Und du denkst darüber nach, wie du das
alles managen könntest, Job und Kind“, Frau Bös kneift ihre Augen zusammen und
kaut dabei auf dem Bügel ihrer Sonnenbrille. „Wie oft du in der Nacht wirst
aufstehen müssen, um eine Flasche Milch warm zu machen. Wie teuer so ein Hort
ist und wie viel paar Schuhe du dir dann weniger kaufen könntest. Und wie
selten du mit deinen Freunden mal so schnell auf ein Feierabendbierchen gehen könntest,
weil du keinen Babysitter findest.“
„…“
„Keine Rucksackferien mehr, nur noch
Familienhotels. Keine Pizza bestellen, sondern gesunden Brei kochen. Keine
Partys mehr, um acht ist Nachtruhe. Kein Ausschlafen mehr am Wochenende, das
Kind hat Keuchhusten und will gepflegt werden.“
„…“
Frau Bös fühlt sich sichtlich wohl in ihrer
Rolle als Hobby-Psychologin. Sie lehnt sich immer näher zu ihrer Freundin
hinüber und ihre Stimme wird immer bedeutungsvoller. „Dazu kommt das permanent
schlechte Gewissen: Warum hab ich einen Menschen in diese Welt gezwungen? Warum
hab ich meine Karriere aufgegeben und wechsle stattdessen nur noch dreckige
Windeln? Warum würde ich meinem Kind am liebsten an die Gurgel, wenn es
pausenlos heult? Bin ich eine schlechte Mutter? Bin ich ÜBERHAUPT eine Mutter?“
„Ist ja gut, Marianne!!“ Frau Bitter fährt
blitzschnell herum, ihre Stimme klingt hoch und schrill, und aus ihren Augen
schiessen grelle Blitze. Ein paar Sekunden lang herrscht Stille - im gesamten
Park. Dann sammelt sich Frau Bitter wieder und blickt sich peinlich berührt um.
Sie sinkt auf dem Bänkli in sich zusammen und streicht sich ein paar
Haarsträhnen ins Gesicht. Sie wäre jetzt sichtlich gerne unsichtbar.
Frau Bös grinst zufrieden. „Siehst du? Es
spricht also eigentlich alles GEGEN ein Kind. Was machst du dir also noch
Gedanken?“
Frau Bitter zögert und zieht ihre Schultern
hoch. „Weiss nicht, weil’s in der Natur liegt, wahrscheinlich. Wir Menschen
haben wohl einfach irgendwo diesen Trieb, uns fortpflanzen zu wollen.“ Frau
Bitter sieht, wie ihre Freundin die linke Augenbraue hochzieht. „Ja, ich weiss,
DU nicht, Marianne. Aber ICH bin mir halt unschlüssig. Und ich bin verdammt
sauer, dass ich mir diese scheiss Gedanken überhaupt machen muss, während mein
Freund zum Beispiel nur müde drüber lacht – kein Wunder, er kann ja auch noch
mit 70 Babys machen, aber bei mir ist halt bald mal Sense!“
Frau Bitter dreht sich schmollend um und
blickt wieder zum Spielplatz. Ein kleiner Junge, vielleicht vier, fünf Jahre
alt, fängt gerade an zu brüllen, weil ihm die Mutter keine Gummibärchen mehr
geben will. Er heult und stampft, dann verpasst er seiner Mutter wütend einen
Hieb in den Unterbauch und schmeisst sich dann trotzig auf den Boden. Und
plötzlich ist Frau Bitter sehr, sehr froh, ist sie noch kinderlos.
Frau Bös hingegen muss an volle Windeln,
Gesabber, Buggies im vollgestopften Tram und Elternabende in der Schule denken
– und es wird ihr flau in der Magengegend. ‚Ich niemals’, denkt sie sich. Aber
als eine junge, hippe Mutter in Leggings und High Heels einen Kinderwagen an
ihr vorbeischiebt, ertappt Frau Bös sich, wie sie verstohlen einen Blick
hineinwirft. Und das kleine, schlafende Gesichtchen dort eigentlich ganz süss
findet.
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