Samstag, 9. März 2013

Alter Ego 2: Baby Blues


Frau Bös und Frau Bitter sitzen in ihrem Lieblingspark in der Stadt Zürich. Saubere Grünanlage, immer gut besucht, hübsches Café. Die beiden Frauen haben es sich mit einem Becher Kaffee auf einem Bänkli neben dem Spielplatz gemütlich gemacht (weil alle anderen schon besetzt waren). Frau Bös beobachtet Frau Bitter, wie diese ganz versunken in ihrem Becher rührt und den tobenden Kindern und deren hippen, urbanen Eltern zuschaut. Sie holt ihre Freundin aus ihren Gedanken, indem sie ihr unsanft den Ellbogen in die Rippen stösst.
„Monika, was glotzt du denn dauernd diesen Goofen hinterher? Willst du etwa auch auf die Rutschbahn? Sorry, aber da hat dein Arsch jetzt wirklich keinen Platz mehr!“ Sie lacht ihr heiseres Lachen und knufft Frau Bitter noch einmal versöhnlich in die Seite. Diese kann sich kein Lächeln abringen.
„Du bist doof, echt. Ich musste nur gerade an meine Gynäkologin denken“.
Frau Bös sieht ihre Freundin ungläubig über die Ränder ihrer Sonnenbrille hinweg an.
„Ähm, halloo-oo?? Die Sonne scheint, es ist Sonntag, wir erholen uns gerade von einer sehr coolen Party gestern – und du kannst an nichts anderes denken, als an jemanden, der dir mit einer riesigen Spreizklammer zwischen den Beinen herumfuhrwerkt?“
Frau Bitter seufzt und macht ein Gesicht, als hätte sie gerade in eine sehr saure Zitrone gebissen.
„Nein, auf das könnte ich jeweils auch verzichten. Aber ich war letzte Woche bei der Dr. Marthaler, das alljährliche Prozedere halt, Krebsabstrich, Pillenrezept. Und sie hat mich schon das dritte Jahr in Folge ungebeten darauf aufmerksam gemacht, dass ich jetzt dann langsam mal loslegen müsse mit dem Kinderkriegen und so. Ab 35 nehme die Fruchtbarkeit drastisch ab und bla bla bla…“
„Aha, ich verstehe“, Frau Bös nimmt ihre Brille ab und schlägt die Beine übereinander, „und deshalb hast du jetzt Torschlusspanik. Du weisst nicht, ob du deine Gene noch weitervererben sollst oder nicht.  Du versuchst dir vorzustellen, wie du wohl aussehen würdest, so mit Kinderwagen und Wickeltasche im Park.“
„…“
„Und du denkst darüber nach, wie du das alles managen könntest, Job und Kind“, Frau Bös kneift ihre Augen zusammen und kaut dabei auf dem Bügel ihrer Sonnenbrille. „Wie oft du in der Nacht wirst aufstehen müssen, um eine Flasche Milch warm zu machen. Wie teuer so ein Hort ist und wie viel paar Schuhe du dir dann weniger kaufen könntest. Und wie selten du mit deinen Freunden mal so schnell auf ein Feierabendbierchen gehen könntest, weil du keinen Babysitter findest.“
„…“
„Keine Rucksackferien mehr, nur noch Familienhotels. Keine Pizza bestellen, sondern gesunden Brei kochen. Keine Partys mehr, um acht ist Nachtruhe. Kein Ausschlafen mehr am Wochenende, das Kind hat Keuchhusten und will gepflegt werden.“
„…“
Frau Bös fühlt sich sichtlich wohl in ihrer Rolle als Hobby-Psychologin. Sie lehnt sich immer näher zu ihrer Freundin hinüber und ihre Stimme wird immer bedeutungsvoller. „Dazu kommt das permanent schlechte Gewissen: Warum hab ich einen Menschen in diese Welt gezwungen? Warum hab ich meine Karriere aufgegeben und wechsle stattdessen nur noch dreckige Windeln? Warum würde ich meinem Kind am liebsten an die Gurgel, wenn es pausenlos heult? Bin ich eine schlechte Mutter? Bin ich ÜBERHAUPT eine Mutter?“
„Ist ja gut, Marianne!!“ Frau Bitter fährt blitzschnell herum, ihre Stimme klingt hoch und schrill, und aus ihren Augen schiessen grelle Blitze. Ein paar Sekunden lang herrscht Stille - im gesamten Park. Dann sammelt sich Frau Bitter wieder und blickt sich peinlich berührt um. Sie sinkt auf dem Bänkli in sich zusammen und streicht sich ein paar Haarsträhnen ins Gesicht. Sie wäre jetzt sichtlich gerne unsichtbar.
Frau Bös grinst zufrieden. „Siehst du? Es spricht also eigentlich alles GEGEN ein Kind. Was machst du dir also noch Gedanken?“
Frau Bitter zögert und zieht ihre Schultern hoch. „Weiss nicht, weil’s in der Natur liegt, wahrscheinlich. Wir Menschen haben wohl einfach irgendwo diesen Trieb, uns fortpflanzen zu wollen.“ Frau Bitter sieht, wie ihre Freundin die linke Augenbraue hochzieht. „Ja, ich weiss, DU nicht, Marianne. Aber ICH bin mir halt unschlüssig. Und ich bin verdammt sauer, dass ich mir diese scheiss Gedanken überhaupt machen muss, während mein Freund zum Beispiel nur müde drüber lacht – kein Wunder, er kann ja auch noch mit 70 Babys machen, aber bei mir ist halt bald mal Sense!“
Frau Bitter dreht sich schmollend um und blickt wieder zum Spielplatz. Ein kleiner Junge, vielleicht vier, fünf Jahre alt, fängt gerade an zu brüllen, weil ihm die Mutter keine Gummibärchen mehr geben will. Er heult und stampft, dann verpasst er seiner Mutter wütend einen Hieb in den Unterbauch und schmeisst sich dann trotzig auf den Boden. Und plötzlich ist Frau Bitter sehr, sehr froh, ist sie noch kinderlos.
Frau Bös hingegen muss an volle Windeln, Gesabber, Buggies im vollgestopften Tram und Elternabende in der Schule denken – und es wird ihr flau in der Magengegend. ‚Ich niemals’, denkt sie sich. Aber als eine junge, hippe Mutter in Leggings und High Heels einen Kinderwagen an ihr vorbeischiebt, ertappt Frau Bös sich, wie sie verstohlen einen Blick hineinwirft. Und das kleine, schlafende Gesichtchen dort eigentlich ganz süss findet. 


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