Frau
Bös sitzt in ihrem Lieblingscafé in der Stadt Zürich. Mittlerer Preis, immer
gut besucht, bester Latte Macchiato. Sie konnte ihren Lieblingsplatz am Fenster
ergattern, mit Blick auf eine belebte Einkaufsmeile. Den Stuhl vis-à-vis hat
sie mit ihrer Jacke besetzt, denn sie wartet auf ihre Freundin, und das Café
ist an diesem frühen Abend ziemlich voll.
Schliesslich
betritt Frau Bitter das Lokal, mit geröteten Augen und gesenktem Kopf.
Schnurstracks bahnt sie sich ihren Wege zwischen all den Tischen und Stühlen
hindurch und setzt sich auf den für sie reservierten Platz. Fast gleichzeitig
bricht sie in Tränen aus.
„Um
Gottes Willen, Monika!“, Frau Bös schaut ihrer Freundin etwas hilflos beim
Schluchzen zu, „was ist denn passiert?“ Den anderen Leuten, die neugierig zur Unglücklichen
herüberschauen, wirft sie einen mörderischen Blick zu, der in einem Comic oder
Science Fiction-Film tödlich gewesen wäre.
„Es
ist so schlimm, Marianne“, presst Frau Bitter zwischen zwei Schluchzern heraus,
„ich habe etwas ganz Furchtbares getan!“ Ihre Schultern zucken auf und ab, so
sehr schüttelt sie das Weinen.
Frau
Bös bläst sich ihren dunklen Pony aus den Augen. „Was denn?“
„Ich...
ich... ich...“, Frau Bitter verschlägt es immer wieder die Stimme, weil ihr das
Schluchzen die Luft abschneidet.
„Was??!!“
„Ich...
ich hab... ich... ich...“
„Nun
sag schon!“
„Ich...
ich...“
„WAS??!!“,
Frau Bös verliert die Geduld und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch, so
dass der Kaffeelöffel vor ihr laut scheppernd von der Untertasse springt. Nun
kleben noch mehr neugierige Blicke auf den beiden Mitdreissigerinnen, und für
ein paar Sekunden ist es ruhig im Lokal.
Peinlich
berührt wandern Frau Bitters verweinte Augen durch den Raum, dann holt sie kurz
Luft und stösst einen Satz heraus, der so leise und genuschelt ist, dass Frau
Bös kein Wort versteht.
„Du
hast jemanden umgebracht?“, sie kneift misstrauisch die Augen zusammen, und
Frau Bitter schüttelt energisch den Kopf.
„Schsseichbeihngenmitenderen.“
„Monika,
du sprichst in Rätseln! Ich kann deine Geheimsprache leider nicht, also bitte,
versuch es doch mal mit Deutsch!“
„SCHEISSE,
ICH HABE DANIEL MIT EINEM ANDEREN BETROGEN!!“. Frau Bitter hatte für einige
Sekunden vergessen zu weinen, und ist jetzt selber erstaunt über ihre feste
Stimme, die so laut war, dass es auch wirklich alle im Café mitgekriegt haben.
Es herrscht erneut eine peinliche Stille. Frau Bitter und Frau Bös verharren in
ihren Positionen und rühren sich erst wieder, als auch das Gemurmel und
Kaffeetassengeklapper wieder langsam einsetzt.
Frau
Bitter wischt sich mit der Hand die Tränen von den Wangen und ordnet ihre
langen, braunen Haare. „Ja, es ist so. Ich habe meinen Freund betrogen.
Gestern. Wir hatten Streit, und ich ging in diese Bar. Und da war dieser gut
aussehende Typ, gross und dunkel. Er hat mich angesprochen... und ich konnte
nicht widerstehen.“ Sie bricht wieder in Tränen aus. „Ich schäme mich so!“
Frau
Bös nimmt einen Schluck von ihrem Latte Macchiato und rollt mit den Augen.
„Jetzt stell dich aber nicht so an“, mahnt sie ihre Freundin, während sie ihre
Tasse zurück auf das Tellerchen setzt, „ich dachte schon, es sei ich weiss
nicht was passiert! Du hast dich aufgeführt, als hättest du gerade
versehentlich ein Tierheim abgefackelt oder so.“
„Ich
habe gerade meine Beziehung zerstört, Marianne!“ Frau Bitters nasse Augen
blitzen. Aber Frau Bös bleibt unbeeindruckt und macht mit der rechten Hand eine
Bewegung, als wollte sie eine Fliege wegwischen.
„Jetzt
übertreib aber nicht, ja? Daniel muss doch gar nichts erfahren.“
„Ich
kann ihn doch nicht mein ganzes Leben lang anlügen!“
„Nicht
anlügen, aber du kannst es verheimlichen“, Frau Bös grinst hämisch und blinzelt
ihrer Freundin zu. „Und ausserdem: du hattest Sex mit einem anderen – na und?
Geht da die Welt unter? Kommst du dafür ins Gefängnis? Nein. Also, vergiss es!“
Frau
Bitter versucht, die Tränen zurückzuhalten, aber sie bahnen sich unerbittlich
ihren Weg in die Augenwinkel. „Das werde ich mir nie verzeihen können! Ich war
einfach so wütend auf ihn, und ich hatte getrunken. Der Typ war nur ein
Trostpflaster, er bedeutet mir nichts.“
„Eben“,
Frau Bös schiebt ihrer Freundin das Schöggeli zu, das zusammen mit ihrem Latte
serviert worden war. Frau Bitter wickelt es aus dem Papier und steckt es sich
in den Mund. „Aber ich weiss, dass Daniel mich nie betrügen würde“, sinniert
sie kauend, „und er würde mich sofort verlassen, wenn er es herausfinden
würde.“
„Dann
wäre er ein Vollidiot. Comon, Sex ist menschlich! Wir sind nicht für Monogamie
gemacht. Und du liebst ja IHN, nicht den anderen.“
„Du
meinst, er könnte mir verzeihen?“
„Na
klar. Er ist ja nicht doof“, Frau Bös tätschelt aufmunternd Frau Bitters Wange,
„und du bist eine tolle Frau. Wegen so was lässt der dich doch nicht sitzen!“
Frau
Bitter schaut hoffnungsvoll zu ihrer Freundin: „Sicher?“.
„Sicher.“
„Aber
was würdest du denn tun, wenn du einen Freund hättest, den du sehr liebst, und
der dann eines Tages mit einer anderen Frau ins Bett gehen würde?“ Frau Bitter kramt ein Taschentuch aus ihrer hippen
Clutch und schneuzt sich laut. Dann reibt sie sich mit dem noch sauberen Teil
des Tuches den verschmierten Kajal unter den Augen weg. Sie hat sich wieder
gefangen. Das Schöggeli konnte sie offenbar trösten.
Frau
Bös rührt einige Sekunden lang gedankenverloren in ihrer Tasse und schaut aus
dem Fenster. Dann trinkt sie den Rest ihres Latte Macchiatos in einem Zug aus
und lässt das leere Gefäss geräuschvoll zurück auf die Untertasse fallen.
„Ich
würde ihm die Eier abschneiden!“
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