Mittwoch, 23. Oktober 2013

Sozial verträglich 9: Fishing for compliments


Frau Bitter und Frau Bös sitzen im Wohnzimmer von Frau Bös’ Wohnung in der Stadt Zürich. 2,5 Zimmer, Trend-Quartier, gerade noch bezahlbar. Die beiden Frauen sitzen dicht gedrängt auf dem Sofa, Frau Bös hat ihren Laptop auf den Knien.
„Ich weiss nicht, was ich falsch mache, Monika! Aber ich werde tagtäglich überschwemmt mit diesem Mist! Kuck dir das an!“, Frau Bös klickt auf den Spam-Ordner in ihrem Mail-Account. Eine lange Liste von Mitteilungen mit eher dubiosen Titeln erscheint. Frau Bitter liest laut vor: „Russian dating – date hot russian women“.
Frau Bös verdreht die Augen: „Bin ich lesbisch?!“
„UGG Boots 3 days special – 80% off.“
„UGG Boots sind ugly!“
„Jill K.: Can you add me as a contact?“
„Nein!“
„Sarah G: Yay me, I joined and have a membership now!“
„Lucky you – interessiert mich das?“
„Truck driving jobs – great pay and training.“
„Ähm – danke, aber NEIN, danke?!
„HealthNut55302xx7: Miracle magic diet pill.“
„Ich bin nicht fett!!“
Frau Bitter runzelt die Stirn: „Sag mal, Marianne, was für Seiten kuckst du dir denn so an im Internet?“
„Ganz bestimmt keine mit Diätpillen, hässlichen Schuhen oder doofen Weibern! Was glaubst du denn?“, Frau Bös knufft ihre Freundin in die Seite und pustet sich ihren dunklen Pony aus der Stirn – wie immer, wenn sie sich aufregt.
„Ich mein ja nur“, Frau Bitter kuckt wieder auf den Laptop auf Frau Bös’ Schoss, „bei so viel Spam, das ist ja Wahnsinn. Zum Beispiel das: Lisa N.: I found your profile on facebook. I think you’re hot!“
„Oh, ich bin gerührt. I think you’re NOT!“, Frau Bös tippt mit dem Zeigefinger auf den Bildschirm. „Und ich bin gar nicht auf Facebook!“
„Christina R.: I think we live pretty close together.“
„Na, das hoffe ich aber nicht!“
„Laura S.: Your profile says, you like hot wax.“
„Dein Profil sagt mir, du willst ein paar in die Fresse!“
„Help for depression.“
„Ja, das brauche ich tatsächlich bald, wenn das so weitergeht!“
„Monica: My husband is out of town – view my pics!“
„Soll ich kotzen?! Und ich bin übrigens immer noch nicht lesbisch!“
„Megan B.: I wasn’t ignoring you.“
„Aber ich dich!“
„Recent wall activity – view profile now!“
„Was denn für eine Wand?“, Frau Bös runzelt die Stirn.
„Nein“, Frau Bitter muss ein bisschen lachen, „eine Wall hat man bei Facebook. Aber dort bist du ja nicht.“
„Na, eben!
„Cougar dating – rich women seeking love.“
„Oh, mann, echt! Steht irgendwo in diesem Scheiss www geschrieben, ich stehe auf Frauen oder sei ein Mann??!!“ Frau Bös klappt schwungvoll ihren Laptop zu und wirft ihn auf den Couchtisch vor sich. Ihre Freundin macht es sich auf dem Sofa wieder ein bisschen bequemer. „Du musst da wirklich was dagegen unternehmen, das nervt ja total“, meint sie mit ernstem Blick, „lade dir doch ein gutes Anti-Virus-Programm runter.“
„Hab ich doch schon längst! Bringt aber offensichtlich nichts!“
„Ich weiss nicht“, Frau Bitter streicht sich ihre braunen Wellen hinter die Ohren, „meins funktioniert wunderbar. Ich habe jedenfalls keine so komischen Mails.“
„Echt nicht?“, Frau Bös’ Augen verengen sich zu misstrauischen Schlitzen, während Frau Bitter ihren Kopf schüttelt und die Lippen schürzt.
„Nee, wirklich nicht. Und ich erledige ja sonst echt alles im Netz, ich hinterlasse also sicher meine Spuren. Aber ich kriege nur ernst gemeinte, wichtige Mails. Von meiner Bank, beispielsweise. Hat mich grad gestern darauf hingewiesen, dass ich die 100'000. E-Banking-Kundin bei ihnen sei! Jetzt wollen sie mir ein Sparkonto mit 5000 Franken drauf schenken! Ich musste ihnen nur die Kopie meines Passes zusenden und meine Bank-Daten per Formular bestätigen! Cool, nicht??“

Frau Bös öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Aber die strahlende Freude im Gesicht ihrer Freundin lässt sie verstummen.
Und irgendwie findet sie ihre Spamflut plötzlich gar nicht mehr so schlimm.


1 Kommentar:

  1. 08uyIch bin reich geworden mit diesem programmierten gehackten programmierten Geldautomaten
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