Sonntag, 13. Oktober 2013

Sozial verträglich 8: Das bisschen Herbst!


Frau Bitter und Frau Bös sitzen in ihrem Lieblingsrestaurant in Zürich. Mittlerer Preis, grosse Portionen, währschafte Küche. Die beiden Frauen essen zu Mittag, einsam an einem Tisch draussen auf der überdachten Veranda – im Oktober. Es nieselt, die Temperaturen sind knapp noch zweistellig und ein grauer Nebel liegt über allem. Frau Bitter hat ihre Lederjacke und den Schal gar nicht erst ausgezogen. Sie rührt ziemlich lustlos in ihrer heissen Kürbissuppe, während Frau Bös ihr demonstrativ in einem dünnen Sweat-Shirt gegenübersitzt und sich einen grossen gemischten Salat reinschaufelt.
„Marianne“, Frau Bitter lockert etwas ihren Schal, damit er ihren Mund nicht mehr verdeckt, „können wir nicht doch lieber reingehen? Mir ist wirklich kalt.“
Frau Bös kuckt gar nicht erst auf von ihrem Teller, sondern macht nur mit der linken Hand eine Stop-Bewegung wie ein Verkehrspolizist an einer Kreuzung, während sie mit der Gabel in der rechten Hand ein paar Maiskörner auflädt. „Müssen wir das wirklich noch einmal diskutieren, Monika? Jetzt stell dich nicht so an!“
„Aber es ist tiefer Herbst...“
„Es ist sehr später Spätsommer!!“, Frau Bös lässt die Gabel in ihren Teller scheppern und schaut ihre Freundin wütend an. „Und ich weigere mich, im Spätsommer drinnen zu sitzen!“
Frau Bitter lässt von ihrer Suppe ab und verschränkt die Arme, in der Hoffnung, so etwas wärmer zu bekommen. Den Schal zieht sie sich wieder bis unter die Nase. „Dann zieh wenigstens eine Jacke an. Du holst dir ja sonst noch den Tod.“
„Hab keine mit.“ Frau Bös beginnt wieder zu essen.
„Vielleicht können wir fragen, ob sie so einen Wärmepilz haben. Den könnten sie dann neben uns hinstellen“.
„Ich hab warm genug.“
Frau Bitter verdreht die Augen. Ein kalter Windstoss zerzaust ihr die langen, braunen Wellen. „Dann bestell ich mir jetzt eine heisse Schokolade“, murmelt sie durch den dicken Stoff vor ihren Lippen.
„Spinnst du?? Im Sommer?!“, schmatzt Frau Bös laut, den Mund voller Salat. Ein paar Passanten, die mit Regenschirmen am Restaurant vorbeigehen, drehen neugierig ihre Köpfe.
„Es ist Herbst, Marianne, HERBST!!! Jetzt akzeptier das doch endlich!“
„Es ist Herbst, wenn ICH das sage!“, Frau Bös’ Augen blitzen wieder, und sie bläst sich kauend den dunklen Pony aus der Stirn, wie sie es immer tut, wenn sie sehr erregt ist. Ihre Freundin versucht sie zu beschwichtigen, um nicht noch mehr neugierige Blicke auf sich zu ziehen.
„Ist ja gut. Jetzt sei doch nicht so. Herbst ist doch gar nicht so schlimm. Kuck dir nur mal die Bäume an mit diesen hübschen bunten Blättern.“
„Ich seh keine Bäume vor lauter Nebel. Ich seh nur grau.“
„Es wird doch wieder Sommer, Marianne. Dauert gar nicht so lange.“
Frau Bös unterbricht ihr Kauen für einige Sekunden und blickt auf. Ihre Stirn wirft tiefe Falten. „Nein. Es liegen ja nur Herbst, Winter und Frühling dazwischen. Wie doof bist du eigentlich?“
 Wieder fegt ein eisiger Windstoss über die Veranda. Frau Bös lässt sich in ihrem dünnen Oberteil nichts anmerken, aber Frau Bitter vergräbt ihr Gesicht noch tiefer im Schal. „Du kannst die Jahreszeiten nicht ändern.“
„Will ich ja auch gar nicht. Wie du siehst, sitz ich auch bei Regen und Wind draussen. Kein Problem.“
„Jetzt sei doch nicht so miesepetrig!“, Frau Bitter beugt sich über den Tisch und schaut ihrem Gegenüber eindringlich in die Augen. “Freu dich doch auf nächstes Jahr, wenn es wieder Sommer wird und wir wieder jeden Abend am See sitzen können mit einem Bier in der Hand. Da ist das bisschen Herbst jetzt doch ein Klacks dagegen!“
Frau Bös hat ihren Salat aufgegessen. Sie legt die Gabel neben den Teller und wischt sich mit der Serviette die Saucenreste von den Mundwinkeln. Als sie den letzten Bissen runtergeschluckt hat, lehnt sie sich zurück und verschränkt die Arme.
„Jetzt begreif es endlich: ich hasse Herbst. Ich hasse eigentlich alles, was nicht Sommer ist. Also, hör endlich auf, mich wie ein Kind zu behandeln!“, sie äfft ihre Freundin mit einer albernen Stimme nach: „Zieh dich warm an, Schatz! Und trink jetzt deine heisse Milch, sonst erkältest du dich noch! Nächstes Jahr gibt’s dann wieder Glacé in der Badi! Ehrlich, du bist so albern, Monika! Ein bisschen Oktober, und du machst schon schlapp!“
Frau Bitter seufzt laut, rutscht etwas tiefer in ihren Stuhl und vergräbt fast ihr ganzes Gesicht im Schal. Ihr ist einmal mehr klar geworden, dass Frau Bös ihre Argumente nicht akzeptieren wird.

Dafür akzeptiert sie dann den Blumenstrauss, den Frau Bitter ihr eine Woche später ins Spital mitbringt. Frau Bös liegt dort mit einer Lungenentzündung im Bett, das weisse Laken bis über die Nase hochgezogen.

1 Kommentar:

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